Drei Schritte vor und einen zurück

Handwerker in der Wohung. Das ist ja überhaupt nicht mein Ding! Jedes Mal ein ungewolltes Eindringen in meinen sicheren, kontrollierbaren Bereich. Ist die Person einmal drin, legt sich bei mir ein Schalter um. Wie ein Chamäleon passe ich mich allem an und lasse zu, dass ich meine Bedürfnisse völlig ignoriere. Egal, was ich mir vorher vorgenommen habe, ich tu es einfach nicht. Aus Angst? Aus Scham? Aus Überforderung?

Wenn ich dann auch noch zugeschwafelt werde oder die Person sich nicht die aktuellen Bestimmungen hält (Abstand, Maskenpflicht), wird es kompliziert. Die Anspannung steigt. Ich möchte nur noch fliehen. Oder den Handwerker rausschmeißen. Natürlich tue ich beides nicht. Stattdessen verkrieche ich mich bei der erstbesten Gelegenheit und täusche konzentriertes Arbeiten vor. Das hilft zumindest, um mir den Laberhannes von Maler vom Hals zu halten. Denn die Maske zog er schon direkt beim Betreten meines Badezimmers aus. Klar, ich könnte was sagen. Aber die Angst, in meiner Wohnung (mein absoluter safe space) einen ‚unkontrollierbaren‘ Konflikt vom Zaun zu brechen, ist riesig.

Trotz all dieses emotionalen Stresses, bin ich richtig stolz auf mich. Schließlich musste ich die neue Verwaltungsgesellschaft anschreiben, um die Mängel zu melden, Telefonate mit den Handwerkerfirmen führen, um Termine abzusprechen und dann auch noch völlig fremde Personen in meine Wohnung lassen. Puh! Aber, es hat sich gelohnt! Die Steckdose, die schon kurz nach meinem Einzug vor 6 Jahren aus der Wand fiel, sitzt jetzt wieder bombenfest. Und auch die Decke mit dem Wasserschaden von vor 4 Jahren ist endlich wieder weiß.

Sowieso ist in meinem Leben gerade einiges im Umbruch. Meine Ergotherapeutin hat mir einen neuen Träger für das ambulant betreute Wohnen empfohlen und wir haben zusammen dort angerufen. Es hat jetzt fast ein Jahr gedauert, diesen Mut aufzubringen. Und mit dem Gedanken an eine neue Betreuung wächst zugleich auch ein wenig meine Hoffnung, endlich die ‚richtige‘ (von mir benötigte) Unterstützung zu bekommen. Ich lerne wahrscheinlich noch diesen Monat eine der Mitarbeiterinnen kennen. Mal schauen, was sie zu bieten hat und ob die Chemie zwischen uns stimmt.

Meine bewilligten Stunden für die Kurzzeittherapie laufen auch bald aus und ich soll mir Gedanken über eine mögliche Verlängerung machen. Darüber muss ich jedoch gar nicht lange nachdenken, denn meine Entscheidung steht längst fest. Natürlich möchte ich weiter zu meiner Therapeutin gehen. Schließlich sind wir gerade an dem Punkt, an dem das Vertrauen zwischen uns ganz langsam zu wachsen beginnt. Und so sehr ich mir anfangs keine zweiwöchige Psychotherapie vorstellen konnte, umso dankbarer bin ich mir heute, trotzdem bei ihr geblieben zu sein.

2 Gedanken zu „Drei Schritte vor und einen zurück“

  1. Ich finde es echt mutig von dir mach weiter so.

    Auch wenn es nicht einfach ist das nächste mal einfach den Menschen höflich bitten die Maske auf zu lassen.

    Die meisten Menschen reagieren vernüftig.

    Wobei es unhöflich war vondem Menschen war einfach so ohne Maske dein Heim zu betreten.

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    • Hallo Ron,
      danke für deinen Kommentar. Er ist schon mit Maske reingekommen nur hat er sie im Badezimmer während des Streichens abgenommen. Ich bin leider zu verängstigt, so etwas anzusprechen. Deshalb war ich auch hauptsächlich in der Küche oder im Wohnzimmer. Jedenfalls bin ich echt froh, dass jetzt alle Termine abgehakt sind. Es hat schon einiges an Kraft gekostet.

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