An der Klippe

Ich bin gerade unheimlich froh, dass ich wieder etwas Kraft habe, um meinen Haushalt aufzuräumen. Denn mir geht es nicht gut. Und dass nicht erst seit gestern. Ich habe diese Krise kommen sehen, aber wollte sie nicht richtig wahrhaben. Schließlich weiß ich doch, wie man mit Krisen umzugehen hat – habe die nötigen Tools an der Hand. Und ja, ich kann mit vielen Situationen schon deutlich besser umgehen als früher. Ich erkenne meine alten Muster, steuere dagegen und versuche den gesundenen Erwachsenen zu stärken. Allerdings kostet es mich wahnsinnig viel Kraft. Kraft, die mir dann wiederum im Alltag fehlt. Für Struktur. Für Routinen. Für Leben.

Gefühlt hänge ich an einer hohen Klippe. Meine Hände können sich gerade noch so festhalten; klammern sich an die letzten bröckeligen Steinchen. Meine Füße taumeln im Nichts. Unter mir ein Strudel aus Schwärze, der unaufhörlich versucht, mich hinabzureißen. Über mir stehen vereinzelt ein paar Menschen herum. Sie schauen mich an, reichen mir ab und zu die Hand, aber auch ihnen fehlt die Kraft, um mich hochzuziehen. Ich weiß nicht, wie lange ich mich dort noch halten kann. Wie lange meine Hände diesen Kraftakt noch mitmachen. Aber ich weiß, dass ich auf keinen Fall in den schwarzen Abgrund fallen möchte.

Mein Körper zeigt mir ziemlich klar, dass gerade einiges nicht stimmt. Diese Woche hatte ich so häufig Migräneattacken wie schon seit fast zwei Monaten nicht mehr. Mir schmerzt der Nacken durch die ständige Anspannung. Meine Kiefergelenke knacken vom Zusammenbeißen der Zähne. Und ständig diese krasse Erschöpfung, die mich tagsüber hinlegen und schlafen lässt, weil es anders einfach nicht mehr geht.

Ich versuche so gut wie möglich durch diese Zeit zu kommen. Trotzdem bin ich verzweifelt. Da ist so wenig Hoffnung, so wenig Motivation, so wenig Freude und vor allem so wenig Sinn. Wie soll ich weiterkämpfen, wenn ich kein Ziel habe, für das es sich lohnt? Mein Leben bestand immer nur aus überleben. Irgendwie weitermachen. Nur für was? Für wen? Wie möchte ich leben? Wo und mit wem? Was möchte ich noch erreichen? Was möchte ich noch sehen? Ich weiß es nicht! Wie auch?! An manchen Tagen weiß ich nicht einmal, wer ich eigentlich bin. Und ich wünsche mir nichts sehnlicher als darauf eine Antwort finden zu können. Bald.

5 Gedanken zu „An der Klippe“

  1. Ich wünsche, dass Du noch ein paar Kraftreserven irgendwo findest. Kenne das auch nur zu gut und vergleiche mich dann immer mit einer Luftmatratze, bei der der Stöpsel fehlt.

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    • Ganz lieben Dank, Ines. Ich weiß aus Erfahrung, dass es auch wieder anders sein wird. Irgendwann. Das hilft mir allerdings nur bedingt. Ich brauche regelmäßige Unterstützung, aber es mag nicht so recht klappen. Anderes Thema.

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  2. Liebe Annie,
    ja, auch ich kenne diese Gefühle. Wenn ich meine hormonell bedingte Migräne hatte, bin ich hinterher auch psychisch fertig. Also geht mir ebenso. Ich finde Deinen Block bewundernswert und wichtig. Bestimmt gibt es mehr Menschen, die hier lesen und denen das hilft, weil sie sehen, dass sie nicht alleine solche Probleme haben, als Du denkst .

    Ich denke im Inneren weißt du wer Du bist und was Du möchtest. Vertrau Dir! Bestimmt hat auch der Besuch Deiner Eltern etwas ausgelöst. Verlier nicht den Mut! Du kannst Stolz auf Dich sein. Für uns ist das Leben deutlich anstrengender und kraftzehrender als für andere und doch gibt es auch immer wieder ganz gute Zeiten.

    Ich drück dich ganz fest und wünsche dir alles Gute!

    L.

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