Neben mir

Seelenbeitrag Tag 6

Heute ist nicht mein Tag. Ich fühle mich traurig und unmotiviert –  irgendwie depressiv. Das Aufstehen war schon eine Qual, weil ich absolut keine Lust auf den Tag hatte. Dann rief mich noch eine langjährige Freundin an, um ihren Kummer bei mir abzuladen. Ich weiß, dass das unfair klingt und es ist auch gar nicht so gemeint. Nur ich komme mir immer häufiger vor als wäre ich ein seelischer Abfalleimer für all meine Kontakte. Und das Problem liegt nicht (nur) an meinem Gegenüber, sondern hauptsächlich an mir. Meine alten Muster übernehmen das Steuer. In diesen Momenten gibt es für mich gar keine andere Wahl.

Ich muss für meine Freundin da sein! Ich muss zuhören und helfen! Ich muss eine (perfekte) Lösung finden!

Irgendwann während des Telefonats sagte ich ihr, dass ich nicht weiß, was ich ihr raten soll. Ich möchte ihr helfen, aber weiß nicht wie?! Sie meinte, dass ich ihr gerade schon helfe und sie sehr dankbar sei. Das hat mich ein wenig beruhigt. Gleichzeitig kann ich so etwas immer gar nicht glauben. In mir drängt es danach, die ultimative Lösung zu finden. Ich weiß, dass das weder meine Aufgabe ist, noch, dass ich dazu in der Lage bin. Wieso halte ich problematische Situationen nur so schwer aus? Sogar dann, wenn sie mich nicht einmal persönlich betreffen?

Am Ende unseres Gesprächs habe ich ihr von meiner aktuellen Weight Watchers Erfahrung erzählt, aber sie wirkte auf mich als würde es sie nicht weiter interessieren. Oder als wüsste sie jetzt auch nicht, was sie dazu sagen soll. Mir ist klar, dass sie gerade andere (existentiellere) Probleme hat. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, ‚auch mal an der Reihe zu sein‘ – Verständnis zu bekommen. Ich war schon ein wenig sehr enttäuscht und traurig.

Auf meinem Spaziergang gingen mir so unendliche viele Gedanken durch den Kopf. Ich fühle mich in letzter Zeit sehr einsam, lasse aber auch niemanden wirklich an mich heran. Dabei möchte ich doch nur eine einzige Person in meinem Leben, die sich für mich interessiert, ohne irgendwelche Erwartungen oder Ansprüche zu stellen. Das Komplizierte daran ist nur, dass ich es erst gar nicht so weit kommen lasse. Meine alten Muster sind so tief eingebrannt, dass sie jedes Mal automatisch übernehmen. Ich muss mich opfern, ich muss da sein. Koste es, was es wolle! Der einzige Anteil, der vehement dagegen ankämpft, ist mein trotziges Kind. Es weiß genau, wie schlecht es mir damit geht und möchte mich mit seiner heftigen Art beschützen. Schräge Nummer!

Ich habe mir erlaubt, heute den Haushalt liegen zu lassen. Natürlich funktioniert das nicht so einfach, wie ich es gerne hätte. Mein innerer Kritiker schmeißt mir einen bösen Satz nach dem nächsten an den Kopf. Und um es irgendwie auszuhalten, habe ich mich abgeschaltet – weggebeamt; was sich auch nicht unbedingt besser anfühlt. Damit der Tag nicht in einer völligen Katastrophe endet – destruktives Essverhalten – habe ich vorhin tatsächlich meine Skills genutzt. Und mir außerdem die Erlaubnis gegeben, heute nur noch schöne Dinge zu tun. Das zaubert meine grundlegende Stimmung nicht weg, macht sie aber ein klitzekleines bisschen erträglicher. Ich darf sein!

Zum Abschluss noch etwas Schönes von meinem Spaziergang

1 Gedanke zu „Neben mir“

  1. In einer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft sind wir ständig mit heraus-fordernden lösungsorientierten Vor- und Ratschlägen konfrontiert.
    Ich plädiere mehr und mehr für eine Her-Ein-Laden.

    Ich bin auf ein schon etwas älteres Büchlein gestoßen:
    Francois Lelord, Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück.
    Der Protagonist ist ein „erfolgreicher“ Psychiater. Erfolgreich im Sinne von: Die Menschen kommen gerne und immer wieder zu ihm. Warum?
    Weil er zuhört, nachfragt, mit sanften Rückfragen zu Selbst-Erkennen führt, aber vor allem… weil er sich wirklich für die Menschen interessiert.

    Er schenkt ihnen aus wirklicher Neugier sozusagen Her-Ein-Ladungen…

    Und das, liebe Annie, schenktest du – ohne es zu wollen – auch deiner Telefonfreundin. Du hörtest ihr wirklich zu. Und sie spürte es. Sie fühlte sich an- und wahrgenommen.

    „Hast du noch ein Ohr für mich, liebe Freundin?“ … ist beim nächsten Mal vielleicht eine realisierbare Option.
    Ganz lösungs-un-orientiert 🙂

    Oder einen Beitrag zu schreiben, auf den aus ganz anderen Ecken dann Zuspruch für dich kommt.

    Vielleicht springt dann der müde Hase wie das Kamel durchs Nadelöhr durch den Maschendrahtzaun und geht eine ordentliche Runde schaukeln!!!

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