Erstgespräch

Diese Woche hatte ich ein Erstgespräch bei einer Psychotherapeutin. Ich bin ja schon etwas länger wieder auf der Suche nach einem Therapieplatz, aber diese Praxis hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Umso erstaunter war ich, als vor zwei Wochen mein Handy mit unbekannter Nummer klingelte. Am anderen Ende war eine Psychotherapeutin und fragte, ob ich noch Interesse an einem Therapieplatz hätte. Natürlich habe ich das!!

Nach dem Telefonat musste ich direkt online nach der Praxis suchen. Ich fand sie nämlich seltsamerweise gar nicht in meiner Auflistung der Praxen, bei denen ich auf der Warteliste stehe. Die Website erkannte ich dann aber doch tatsächlich wieder. Keine Ahnung, wieso die in meinen Notizen untergegangen ist. Die Therapeutin sah jedenfalls ganz nett aus, vielleicht etwas jung, aber das sagt ja nichts über ihre Fähigkeiten aus. Nur ihre Vita verwirrte mich ein wenig.

Ich habe in meinen Anfragen vor ca. einem Jahr angegeben, dass ich eine Psychotherapeutin suche, die sich mit Borderline auskennt. Am besten eine Person, die zusätzlich Wissen über DBT oder Schematherapie hat. Davon konnte ich jedoch auf den ersten Blick nichts erkennen. Auf der Seite stand nur etwas von ‚Leitung von psychoedukativen Gruppen für die Indikationen Depression und Angststörungen‘. Nicht gerade das, was ich suche und brauche.

Da steht ja gar nichts über Borderline!
Kann sie mir dann überhaupt helfen?
Ist sie dann überhaupt die Richtige?
Ich will nicht zum drölften Mal meine depressiven Symptome und die sozialen Ängste durchkauen!
Das wird doch sicherlich nichts!
Ich sage am besten den Termin ab!

Das habe ich natürlich nicht getan. Sie sollte eine Chance bekommen und ich habe mir, angeregt durch das Buch Borderline: Das Selbsthilfebuch (Andreas Knuf, Christiane Tilly), eine Liste an Fragen zurecht gelegt. Das hatte ich vorher noch nie getan und es war auch etwas ungewohnt (beschämend). Hier ein paar Beispiele:

Haben Sie schon mit Borderline-Patienten gearbeitet?
Wären Sie bereit sich näher einzuarbeiten?
Ist es möglich, kurzfristig einen Notfalltermin zu bekommen?
Ist es in Ordnung ein zusätzliches Netz (Ergo, BeWo, etc.) zu haben?

Je näher der Termin rückte, umso unsicherer und nervöser wurde ich. Und meine Zweifel meldeten sich zurück. Am liebsten wollte ich auch gar keine positive Ermutigung von meinem Umfeld hören, weil mich so etwas jedes Mal enorm unter Druck setzt. Ich fuhr also mit einem Gepäck aus Angst, Unsicherheit, Scham, aber auch ein wenig Hoffnung zu unserem ersten Kennenlerntermin.

Und jetzt weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, wie ich es bewerten soll. Einerseits war sie sehr freundlich, schien ansatzweise Ahnung von Borderline und DBT zu haben, andererseits gab es Punkte, die mich überfordert und verstört haben. Weil ich mich aber nach dem Gespräch nicht in meinen Gedanken verlieren wollte, habe ich dieses Mal bewusst etwas Neues ausprobiert. Ich lenkte mich mit gedankenbezogenen Skills ab und erzählte erst einmal niemanden etwas von dem Gespräch. Normalerweise verfalle ich nämlich bei Unsicherheiten in meinen Panik-Kampf-Modus, d.h. ich berichte allen möglichen Personen ausführlichst, was ich wie erlebt habe. In der irrationalen Annahme durch ihre Meinungen, die ‚richtige‘ Entscheidung treffen zu können. Das kostet jedoch eine Menge Energie und hilft mir nicht einmal. Im Gegenteil, es verwirrt mich noch mehr, weil es mir in diesen Augenblicken sowieso keiner Recht machen kann. Deshalb wollte ich den Termin erstmal sacken lassen. Nur für mich! Puh, das war echt nicht einfach! Den ganzen Tag über fühlte ich mich so dermaßen abgeschnitten von der Welt. Einsam.

Als ich abends endlich wieder klar denken konnte, las ich mir in Ruhe den fünfseitigen (!!!) Behandlungsvertrag durch, den ich bereits in den ersten 10 Minuten der Sitzung unterschreiben sollte. Ich hatte schon während ihrer kurzen Erklärungen zu den einzelnen Abschnitten ein wirklich mieses Bauchgefühl, ließ mich aber dann doch dazu ‚drängen‘, ihn direkt zu unterschreiben. Erst zu Hause, mit etwas Abstand, verstand ich, was ich da eigentlich unterschrieben habe. Und ich wurde wütend – wütend auf mich, dass ich mir keine Zeit erbeten habe, alles in Ruhe zu Hause durchlesen zu dürfen; wütend auf die Therapeutin, dass sie etwas von mir verlangte, was mit hoher Anspannung einfach nicht möglich ist – einen Vertrag ‚in vollem Umfang‘ zu verstehen.

Ein Punkt, der mir darin besonders große Sorgen macht, ist das Ausfallhonorar. Ich muss mich 48 Stunden vor dem Termin melden, wenn ich nicht kommen kann. Etwas früher als ich es von bisherigen Therapeutinnen kannte, aber völlig in Ordnung. Nur die gleiche Zeit gilt auch bei Krankheit. Wer weiß denn schon jedes Mal 48 Stunden vorher, ob er an besagtem Tag krank ist? Ich leide z. B. an Migräne und weiß nie, an welchem Tag sie kommt und wie stark sie wird. Wenn ich mich jedoch nicht rechtzeitig abmelde und der Termin auch nicht kurzfristig an eine/n andere/n Patient/in vergeben werden kann, muss ich das Ausfallhonorar (voller Kassensatz) bezahlen. Jetzt mache ich mir großen Druck, beim nächsten Termin hingehen zu müssen, komme was wolle, weil ich diesen blöden Vertrag ja bereits unterschrieben habe. Mir ist es nämlich nicht möglich, mal eben um die 100 € zu bezahlen.

Nach diesem Schock, bin ich vollkommen erschöpft ins Bett, um erstmal eine Nacht über alles zu schlafen. Dem Gehirn die Möglichkeit geben, die Gedanken zu sortieren. Am nächsten Morgen entschied ich mich, eine E-Mail zu schreiben und bat um Rückmeldung. Bisher habe ich leider noch nichts gehört. Dabei hatte ich gehofft, dass sie sich vor dem Wochenende melden wird. Unsicherheiten mag ich nicht! Ich weiß, dass ich alles getan habe, was ich in diesem Moment tun konnte. Jetzt muss ich Geduld haben! Nicht unbedingt eine meiner besten Eigenschaften.

Irgendwie finde ich es gerade echt schade, dass diese Vertragssache alles etwas ’negativ‘ einfärbt. Sie war nett und auch fachlich gar nicht so übel. Mal schauen, ob ich den Blick zurück in eine positivere Richtung wenden kann. Und uns damit die Chance geben, zu prüfen, ob es zwischen uns doch noch passen könnte.

9 Gedanken zu „Erstgespräch“

  1. Liebe Annie,

    ach, das ist natürlich doof! Ich finde das auch nicht gut von der Therapeutin, dass sie dich das sofort so überfallsmäßig (jedenfalls nach dem, wie du das beschreibst) unterschreiben lässt. Ich habe auch so einen „Vertrag“ (der ist aber kürzer) und den sende ich entweder vor dem Erstgespräch zu oder gebe ihn im Erstgespräch mit. Und ja, dann ist er noch nicht unterschrieben und ich laufe Gefahr, dass ich kein Ausfallhonorar bekomme, wenn die Person zum zweiten Termin nicht aufkreuzt. Ist mir aber 1. noch nie passiert und wäre 2. dann zwar ärgerlich, aber kein Weltuntergang.

    Bezüglich des Ausfalls bei Krankheit: oft steht das in den Verträgen deutlich strenger, als es in der Realität gehandhabt wird. Sprich da auf jeden Fall nochmal mit ihr! Ich kenne das von KollegInnen, die das auch so reinschreiben, um zu verhindern, dass Leute quasi das Ausfallhonorar umgehen, indem sie dann einfach jedes Mal plötzlich „krank“ sind. Aber ich kenne kaum KollegInnen, die, wenn jemand morgens anruft und sagt, er/sie sei mit Migräne aufgewacht, dann ein Ausfallhonorar berechnen.

    Ich wünsche dir, dass du an einer guten Adresse landest! Sei es bei ihr oder bei jemand Anderem… ich drücke jedenfalls die Daumen und hoffe, dass du uns auf dem Laufenden hältst!

    LG,
    Jessica

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    • Liebe Jessica,
      herzlichen Dank für deinen Kommentar. Ich werde natürlich jetzt erstmal abwarten, welche Rückmeldung ich erhalten werde. Bisher habe ich es auch noch nicht erlebt, dass ich wegen kurzfristiger Erkrankung bezahlen musste, aber da wir uns noch nicht wirklich gut kennen, bin ich super ängstlich. Als ich sie bei den Erklärungen fragte, was mit Krankheit sei, wies sie nochmal extra auf den Abschnitt hin, der Krankheit explizit in die Regel einschließt. Das hat mich dort schon sehr verunsichert. Bevor ich aber weiterhin nur spekuliere, warte ich doch ‚einfach‘ auf eine Antwort. In der Hoffnung sie möge direkt morgen kommen 😉
      Grüße von Annie

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  2. Liebe Annie,

    ich bin sehr beeindruckt wie kontinuierlich und beharrlich du um Veränderung ringst.
    Das zeugt von starker innerer Kraft.

    Immer wieder mache auch ich die Erfahrung, dass ich mich zu schnell zu etwas entscheide. Immerhin konntest du schon denken, dass du dir hättest „Zeit erbeten“ können. Das wird immer mehr präsent werden, immer näher rücken und beim nächsten, übernächsten Mal schon da sein. Einfach so. Fast schon kategorisch. Selbstschutzreflex: „Äh, ja, klingt irgendwie alles gut, aber ich kenne mich, ich muss da drüber schlafen.“

    Wenn daraufhin gepusht wird, dann ist das im Grunde die Aufforderung mindestens zwei Nächte drüber zu schlafen.
    Und das darf ja genau so sein. Dann braucht es nicht mehr soviel Energie für die Wut auf dich.

    Worauf ich aber vor allem raus will:
    Widerspruchsrecht.

    (https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/vertraege-reklamation/kundenrechte/vertrag-widerrufen-wann-das-geht-und-wie-sie-einen-widerruf-erklaeren-5117)

    Mal als Anregung dieser Link.

    Du hast nichts von einer Therapeutin, die dir nicht das Gefühl vermitteln kann, dass sie dich sehen könnte geschweige denn dich sieht.

    Du darfst auf dein Bauchgefühl hören. Und du darfst den Vertrag widerrufen.

    Unterm Strich kann es jedoch natürlich gut sein,
    endlich wieder jemanden regelmäßig zum Reden zu haben.
    Reden hilft so viel.
    Und eben einen Therapie-Rhythmus.

    Ich bin sicher, du wirst die für dich stimmigste Entscheidung fällen,
    weil du es dir wert bist.

    Liebe Grüße
    Klaus

    Antworten
    • Hallo Klaus,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich lasse mich dann zu schnell auf Entscheidungen ein bzw. zu etwas drängen, wenn ich stark verunsichert bin. Dazu kam wohl, dass ich sie noch nicht wirklich kenne. Da ist die Überwindung, mein schlechtes Bauchgefühl direkt zu äußern, nochmal größer. Umso vertrauter die Person, umso besser klappt es mittlerweile. Das durfte ich ja in meiner letzten Psychotherapie ausgiebig üben 😀

      Vorerst werde ich den Vertrag nicht widerrufen, sondern auf ihre Rückmeldung warten. Danach bleibt mir neuer Raum, um eine Entscheidung zu treffen. Nicht zu viel im Voraus zerdenken – ich nenne diesen Mechanismus bei mir übrigens ‚Vorsicht Hammer‘, angelehnt an die Hammergeschichte von Watzlawick. Kennt du sie?

      Ich wünsche dir einen wunderschönen Sonntag!

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  3. Hallo Annie, ich drücke dir die Daumen, das du die richtige Therapeutin gefunden hast. Das sie so schnell auf den Behandlungsvertrag gedrungen hat, finde ich auch etwas seltsam. Aber die ersten fünf Sitzungen werden von der Krankenkasse sowieso bezahlt. Ich hoffe, das du jetzt die richtige gefunden hast.
    Christoph

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    • Hallo Christoph,
      danke für dein Daumen drücken. Der zweite Termin hat bei mir immer noch sehr viel Unsicherheit und Durcheinander hinterlassen. Ich werde sie mir definitiv noch ein drittes Mal anschauen. Im Augenblick habe ich zwar ein Bauchgefühl, aber bin total am Zweifeln, ob ich ihm vertrauen kann. Ich habe ja nicht gerade die Auswahl an TherapeutInnen, um direkt weiterzutesten. Das ewige Dilemma!
      Viele Grüße von Annie

      Antworten
  4. Liebe Annie
    Wie geht es dir mittlerweile mit dem Vertrag? Meine Therapeutin ist im Notfall da. Sie hat mir 2 bis 3 mal abends per Telefon geholfen, physio bekomm ich von meinem Hausarzt verschrieben. Ich muss auch 48 Stunden vorher absagen. Aber ich hab 2 Sitzungen die auch kurzfristig abgesagt werden dürfen. Denn ich hab auch Angst davor diese Ausfallgebühr bezahlen zu müssen.
    Liebe Grüße Nicole

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  5. Liebe Annie,

    genau Dein letzter Kommentar sollte Dich nicht dazu verleiten „irgendwen“ zu nehmen… ?
    Wenn man mich/uns so unter Druck gesetzt hätte – ein zarter Kondensstreifen von der Flucht wäre noch übrig gewesen – mehr nicht.
    ~ Gaaanz viel Glück für Deine weitere Suche! ~

    Viele Grüße aus der Himbeersplitterei ??‍♀️

    Antworten
  6. Liebe Annie,
    erstmal danke ich Dir von Herzen für Deinen Blog.
    Du bist so tapfer und kämpfst immer weiter und ich bewundere das sehr und auch dass Du die Kraft dazu hast.
    Ich wünsche dir von Herzen alles erdenklich Gute und weiterhin ganz viel Kraft!

    Fleur

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