Standpunkt

Seitdem ich vor zwei Jahren aus einer sehr anstrengenden Reha entlassen worden bin, habe ich hier kaum noch geschrieben. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Das Schreiben hat mir keine Freude mehr gemacht und mir fehlte oft die Motivation, um mich mitzuteilen. Dazu kamen bürokratische Kämpfe, die mir viel Kraft abverlangt haben.

Meine Therapeutin beendete die Zusammenarbeit mit mir, meine Psychiaterin ging in Rente und ich stand mit der leisen Ahnung einer Persönlichkeitsstörung im Nichts. Zum Glück habe ich recht schnell einen Termin in einer Institutsambulanz bekommen. Bis heute bin ich dort bei einer Psychologin (nur zur Beratung, keine Psychotherapie) und nehme seit Anfang des Jahres an der Skillsgruppe für Borderline-Patienten teil.

Letztes Jahr bin ich dann auch noch einmal in einer Klinik gewesen und habe dort die Diagnose emotional-instabile Persönlichkeitsstörung bekommen. Zuerst war es ein Schock, aber mittlerweile erklären sich dadurch echt viele Problematiken meines Alltags. Mir wurde vor der Entlassung geraten, erneut eine ambulante Psychotherapie zu machen. Doch die Suche nach einem Therapieplatz gestaltete sich schwieriger als ich sowieso schon erwartet hatte.

Als ich wieder zu Hause war, habe ich mir alle Psychotherapeutinnen aus der Umgebung, die sich annähernd mit Borderline, DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie) oder Schematherapie auskennen, rausgesucht und angeschrieben. Die Antworten waren ernüchternd. Von 9 Monaten bis 2 Jahren Wartezeit war alles dabei. Manche führen nicht einmal mehr eine Warteliste, weil sie zu viele Anfragen haben. Ich ließ mich auf alle möglichen Listen setzen und wartete erstmal ab. Nach 3 Monaten schrieb ich die Therapeutinnen erneut an, aber es kamen nur noch vereinzelte Antworten und die Wartezeit hatte sich auch nicht verändert. Sehr frustrierend!

Ich begann mich mit der Kostenerstattung zu befassen, besorgte die benötigten Unterlagen und stellte einen Antrag bei der Krankenkasse. Mir war klar, dass es beim ersten Mal ziemlich sicher abgelehnt werden würde. Trotzdem war die Absage ein Schlag in den Magen. Die Krankenkasse schrieb, dass ich mich an die Terminservicestelle wenden solle. Schließlich seien diese ja dazu verpflichtet, mir freie Plätze zu nennen. Ich rief dort auch mehrmals an, aber jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis. Innerhalb der nächsten 4 Wochen sei in meiner Umgebung kein Termin zu bekommen.

Ich ging in Widerspruch – wieder ohne Erfolg. Die Angelegenheit wanderte dann vor den Widerspruchsausschuss. Vorher hatte mich aber noch eine ’nette‘ Dame der Krankenkasse angerufen, um mich mit Unwahrheiten von meinem Widerspruch abzubringen. Am Ende entschied der Ausschuss gegen mich. Das bedeutet ich stehe immer noch ohne Therapie da, obwohl ich seit November 2019 bei einer Psychotherapeutin hätte unterkommen können.

Dieses ganze Hin und Her dauerte über ein halbes Jahr!!

Mir blieb also nur noch die Klage vor dem Sozialgericht. Ich war sogar zur Beratung bei einem Anwalt, der mir auch Hoffnung gemacht hatte, aber ich war zu müde, zu erschöpft. Mir fehlte mittlerweile die Kraft, diesen Kampf bis zum Ende zu kämpfen. Ich hätte zwar durch eine einstweilige Anordnung voraussichtlich sehr schnell die Therapie beginnen können, aber bis zum eigentlichen Verfahren hätte es noch 18 Monate gedauert.

Und jetzt, da ich nochmal darüber schreibe, frage ich mich wieder einmal, wie man einem psychisch erkrankten Menschen so eine Bürokratie zumuten kann. So eine Willkür?!

Zusätzlich kamen noch die ‚kleineren‘ Kämpfe mit der Arbeitsagentur, die mich gerne an die Rentenversicherung ‚abschieben‘ möchte, während diese sagt ich sei doch noch erwerbsfähig. Aber das sollen die mal unter sich ausmachen!

Für mich geht es diesen Sommer erneut in die Klinik. Ich warte gerade auf den Aufnahmetermin. Und ich hoffe, dass es langsam – ganz langsam – besser werden kann, besser werden darf.

2 Gedanken zu „Standpunkt“

  1. Wir fühlen mit euch. Das ist so deprimierend! Wir haben auch einen solchen Weg hinter uns, doch ohne dem Versuch mit der Klage, da uns dafür die Kraft fehlt.
    Traurig, was psychisch kranke Menschen alles erdulden und erkämpfen müssen und trotzdem nicht die nötige Behandlung erhalten!
    Selbst jetzt wo wir ein Kind erwartet hatten und die Behandlung so dringend nötig war, gibt es keine Möglichkeiten für eine Akut Therapie.
    Es geht nicht wirklich darum Menschen zu helfen, leider…
    Alles Liebe und ganz viel Kraft ♥️

    Antworten
    • Liebe/r Vergissmeinnicht,
      ganz herzlichen Dank für euren Kommentar und die Rückmeldung. Ich weiß wirklich nicht, wieso das System uns solche schweren Steine in den Weg legt. Gerade wir, die sowieso schon stark eingeschränkt sind und alle Kraft für unser alltägliches Leben brauchen. Es tut mir unheimlich leid zu lesen, dass ihr selbst in eurer jetzigen Situation (Schwangerschaft) keine Hilfe bekommst. Das ist einfach so unfair!!!

      Was mir so unerklärlich scheint, dass die Krankenkasse lieber die viel höheren Kosten der Psychiatrie auf sich nimmt, als ihren Kunden langfristig mit einer Psychotherapie zu unterstützen.

      Ganz viel Kraft an euch!

      Antworten

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