Skillstraining mit Hindernissen

Nach fünf Monaten Wartezeit startete diese Woche endlich meine Skillsgruppe. Ich hatte wirklich viel Hoffnung in diesen ersten Termin gelegt und dann kam es doch ganz anders als erwartet. Ich berichte aber am besten von vorne.

Im Frühjahr war ich für 10 Wochen stationär in einer Klinik. Dort habe ich zum ersten Mal die DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie nach Marsha Linehan) kennengelernt. Diese Therapiemethode wurde ursprünglich für Borderline-Patienten entwickelt, wird jedoch mittlerweile auch bei anderen Persönlichkeitsstörungen und Krankheitsbildern angewandt. Das so genannte Skillstraining – ein Teil der DBT – besteht aus 5 Modulen:
Achtsamkeit ~ Stresstoleranz ~ Umgang mit Gefühlen ~ Zwischenmenschliche Fertigkeiten ~ Selbstwert

Es ist sinnvoll mit dem Modul Stresstoleranz zu starten. Denn gerade Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung haben häufig hohe Erregungszustände (Anspannung). In diesem Modul wird erlernt, wie man seine Anspannung besser einschätzen und durch Skills regulieren kann. Meiner Meinung nach eine sehr wichtige Basis für das weitere Skillstraining. Auf Station war ich eine derjenigen, die am längsten in dieser Gruppe gewesen ist, weil ich sehr viel Zeit brauchte, um das Gelernte umzusetzen.

Gegen Ende meines Aufenthalts war klar, dass ich das Skillstraining unbedingt zu Hause weiterführen sollte. Ich kümmerte mich also schon aus der Klinik heraus um einen Platz in einer ambulanten DBT Gruppe, was gar nicht so einfach war. Trotz Ballungszentrum gibt es hier viel zu wenige Angebote. Die Ambulanz, in die ich wöchentlich zum Gespräch gehe, bietet eigentlich zweimal im Jahr ein Skillstraining an. Aber ausgerechnet zu dieser Zeit war die zuständige Psychologin in Elternzeit. Ich fragte noch bei einer anderen Klinik mit Borderline-Ambulanz nach und hatte Glück. Bereits im Juli konnte ich zu einem ersten Informationstreffen kommen. Von da an hieß es WARTEN. Voraussichtlich 4 Monate. Es wurden fünf.

Als der Brief dann endlich im Briefkasten lag, war ich echt erleichtert. Er enthielt sogar eine kleine Hausaufgabe, was ich nach 5 Monaten Wartezeit etwas krass fand, aber ich hatte das Thema glücklicherweise bereits in der Klinik bearbeitet. Trotzdem ist das nicht gerade ein idealer Einstieg für absolute Neulinge, die außer ein paar Vorabinformationen noch überhaupt keine Ahnung haben. Wie sich dann noch herausstellen sollte, hatten wir, die zwei Neuen, eine ganz andere Aufgabe als die restliche Gruppe. Die war nämlich längst in einem ganz anderen Modul. Aber nochmal einen Schritt zurück.

Ich fuhr also diese Woche zu meinem allerersten Termin und war mega aufgeregt. Zum Einen, weil ich die anderen Teilnehmer noch gar nicht kannte und zum Anderen, weil ich auch nicht wusste, was nun konkret auf mich zukommen würde. Von sechs neuen Teilnehmern, die zu diesem Termin eingeladen worden sind, kamen jedoch nur zwei – ein anderes Mädel und ich. Allerdings bestand die Gruppe auch schon aus 6 weiteren Mitgliedern. Wir waren also insgesamt 8 Personen. Eigentlich eine gute Gruppengröße.

Bevor es richtig losging, erhielten wir beiden Einsteigerinnen noch unsere Arbeitsunterlagen. Und als ich dann den Titel las, fiel mir buchstäblich alles aus dem Gesicht. Mein Kopf fing panisch an zu rattern. Umgang mit Emotionen – für mich eins der schwersten und herausforderndsten Module. In der Klinik habe ich es in Absprache mit meiner Bezugstherapeutin bewusst ausgelassen, da ich nicht stabil genug war. Und jetzt sollte ich direkt mit diesem Klopper starten?! Ganz ruhig, Annie, atmen, abwarten!

Nachdem der erste Schock dank Magnet-Akupunktur-Massage-Ball ein wenig verdaut war, kam direkt der nächste. Wir starteten nicht am Anfang des Moduls sondern irgendwo mitten drin. Ich soll also ohne Wiederholung der Stresstoleranz mitten in die Emotionsregulation einsteigen?!? Meine Gedanken liefen Amok, alle möglichen Emotionen fielen krachend über mich her und ich knetete wie eine Irre meinen Igelball, um nicht komplett zu dissoziieren. Ich fühlte mich wie ein Alien, was eindeutig am falschen Ort ist. Oder wie eine widerspenstige Borderline-Drama-Queen, die sich auf nichts einlassen will. Ich war überfordert!

Mir war absolut nicht klar, dass es eine offene Gruppe ist, in die jederzeit Neue einsteigen können, sobald ein Platz frei wird. Dieser Punkt wurde vorher nicht einmal ansatzweise erwähnt. Ich könnte noch verstehen, dass sich zu Beginn eines Moduls die Zusammenstellung der Gruppe leicht verändert, weil der ein oder andere aussteigt, aber doch nicht sowas! Hinzu kommt, dass ich aktuell auch immer noch keine neue Psychotherapie gefunden habe. Außer den 30 Minuten wöchentlich (wenn es denn gut läuft) bei meiner Ambulanzpsychologin hätte ich keinen therapeutischen Ansprechpartner, der all das mit mir auffängt, was evtl. durch die Gruppe ‚ausgelöst‘ werden könnte. Daher bezweifel ich stark, dass ich dieses Modul unbeschadet überstehe.

Normalerweise gebe ich neuen Situationen mehrere Chancen, aber jetzt, ein paar Tage später, bin ich total unschlüssig. Soll ich wirklich meine Zeit, mein Geld (Fahrtickets) und meine Kraft für all das opfern? Ich sehe darin gerade keinen wirklichen Nutzen. Und dazwischen immer wieder die Stimme, dass ich absolut übertreibe und mich nicht so anstellen soll.

2 Gedanken zu „Skillstraining mit Hindernissen“

  1. Hallo Annie, leider läuft ein Skills Training immer so ab ambulant. Da gibt es nur ein irgendwo einsteigen. Es wäre sehr gut, wenn du mit dem Leiter der Gruppe das offen ansprichst, damit eine Lösung gefunden werden kann.

    Viel Glück
    Nicht aufgeben
    Und wenn es ambulant nicht klappt, sollte es wohl stationär erfolgen
    Viele Grüße Iselin

    Antworten
    • Liebe Iselin,
      mich hat es total erschrocken, weil es einfach schwierig ist (für mich), ohne Struktur und Aufbau einzusteigen. Ich komme aber auf die Warteliste bei der Ambulanz, bei der ich auch zu meiner Psychologin gehe. Die Gruppenleiterin kommt Anfang nächstes Jahres aus der Elternzeit zurück und im Frühjahr soll ein neuer Kurs starten. Sie macht das etwas anders. Alle fangen gleichzeitig an und es wird keiner während der Module hinzukommen. Ich hoffe jetzt nur, dass ich für das Frühjahr noch nachrücken kann, denn es stehen schon einige auf der Liste :-/
      Viele Grüße von Annie

      Antworten

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