Heimkommen

Ich bin schon einige Tage wieder zu Hause und so ganz langsam gewinne ich meine Stabilität zurück. Die Nächte sind erholsam, denn ich kann endlich schlafen. Die irrationalen Ängste vor der Nacht, die ich in der Klinik entwickelt hatte, sind zum Glück auch verschwunden. Und damit auch die Angst vor der Angst!

Die letzten beiden Wochen in der Klinik waren schwer. Ich hatte einen emotionalen Zusammenbruch. Es ging mir von Tag zu Tag schlechter. Ich fing urplötzlich an zu weinen, ohne dass es mich entlastet hätte. Ich war total unruhig und habe es an keinem Ort mehr ausgehalten. Raus aus dem Zimmer, nach unten gehen, rumtigern, wieder aufs Zimmer, kurz aufs Bett legen, weinen, nicht aushalten, alles von vorne. Ich suchte Kontakt zur Pflege und war über jedes kleine Gespräch froh, dass mich ein wenig aus diesem Zustand geholt hat. Und es war eine riesige Überwindung, mich in der Not zu zeigen und Hilfe einzufordern. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich an irgendeinem Punkt nicht einfach nur noch nervig war. Aber ich konnte in dem Moment nicht anders. Ich brauchte es.

Als ich schon drei Tage mehr oder weniger wie ein Zombie durch die Flure geschlichen bin, hat meine Lieblingsschwester von der Pflege die Notbremse gezogen. Ich war zu nichts mehr fähig. Mir fehlte jegliche Kraft, ich bin beim Laufen gewankt und konnte nur ganz langsam gehen. Mein Kopf war durcheinander und leer gleichzeitig. Ich konnte nicht mehr klar denken, mich auf kaum etwas konzentrieren. Also hat meine Lieblingsschwester eine Entscheidung getroffen und innerhalb von 5 Minuten einen Termin beim Oberarzt organisiert. Er hat mir nach einem recht ausführlichen Gespräch – soweit das in meinem Zustand noch möglich war – zu einem Bedarfsmedikament geraten. Ich wollte eigentlich niemals in meinem Leben an den Punkt kommen, ein Medikament zu brauchen, um wieder zu mir selbst finden zu können. Aber es war mittlerweile so unerträglich, dass ich zustimmte. Innerhalb einer Viertelstunde entspannte ich mich, konnte klarer denken und war wieder fähig, mich ‚richtig‘ mitzuteilen.

Hinterher kamen natürlich Zweifel hoch, ob es mir wirklich so schlecht ging oder ich einfach nur übertrieben habe. Habe ich mich (un-)bewusst in diesen Zustand versetzt, damit ich die gewünschte Aufmerksamkeit bekomme? Selbst wenn es so gewesen sein sollte, brauchte ich Hilfe. Diese Krise war eine der schlimmsten, an die ich mich erinnern kann.

Wenn ich über meine Zeit in der Klinik nachdenke, bin ich absolut zwiegespalten. An manchen Tagen wünsche ich mir, ich wäre nie dorthin gegangen. Es wurde zu viel aufgewühlt, Neues zu Tage befördert, was dort nicht aufgefangen werden konnte und mich letztlich in eine tiefe Verzweiflung gestürzt hat. Alte Muster wurden reaktiviert, von denen ich glaubte, sie im Griff oder hinter mir gelassen zu haben. Und dennoch nehme ich auch gute Erfahrungen und Erkenntnisse mit. Es bleibt nur die Frage, wohin mich das jetzt führen wird?!

Mein Leben steht auf wackligen Beinen. Die erste Therapiestunde nach der Klinik verlief sehr enttäuschend, so dass ich im Augenblick keine Entscheidung treffen kann, ob es dort für mich weitergehen wird. Und falls ich mich dafür entscheide, hängt es zusätzlich davon ab, wieviele Sitzungen uns die Krankenkasse noch genehmigen wird. Über die Institutsambulanz wurde ich für die Klinik in meiner Stadt angemeldet. Allerdings mit der Option, dass ich mich jederzeit wieder abmelden kann, denn ich bin gerade nicht wirklich überzeugt von diesem Plan. Schon wieder stationär? Hier in der Stadt? Oder doch nochmal weiter weg mit Spezialprogramm? Ich liebäugel mit CBASP – ein spezielles Programm für Menschen mit chronischen Depressionen. Eins ist jedenfalls klar, ich muss mit den neuen Erkenntnissen weiterarbeiten, denn es beeinflusst fast jeden Bereich meines Lebens und macht es dadurch unnötig kompliziert.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei meinen Freunden bedanken, die mir in den letzten Wochen ihr Ohr geliehen haben. Mir fällt es schwer, euch um Hilfe zu bitten oder mich in der Not zu zeigen. Ich habe es gewagt und ihr wart da! Jetzt muss ich nur noch lernen, dass es vollkommen okay ist, einfach mal ‚nur‘ anzunehmen. Ohne Druck, ohne Hintergedanken, ohne schlechtes Gewissen. Danke!

Beitragsbild von Pixabay

7 Gedanken zu “Heimkommen

  1. Du hast diese Unterstützung verdient und noch viel mehr als das, weil du so ein lieber Mensch und eine gute Freundin bist😘

  2. Dein Bericht erinnert mich in Manchem an meinen eigenen Klinikaufenthalt und die Zeit danach.

    Ich kann und WILL Dir nur sagen, dass ich erahne, wieviel Kraft Dich Dein Weg kostet, dass ich aber auch voller Respekt dafür bin, dass und wie Du ihn gehst.

    So weit das möglich ist will und werde ich Dich gern (weiter) begleiten, liebe Annie.

    Herzliche und liebe Sonntagsgrüße!

    • Lieber sternfluesterer,
      danke für deine lieben Worte! Sie bedeuten mir wirklich viel. Im Augenblick orientiere ich mich noch und habe fast die Vermutung ich verfalle wieder in den Zuhause-Modus von vor der Klinik. Einerseits gut, weil ich damit den Alltag irgendwie auf die Reihe bekomme, andererseits bin ich in diesem Modus nicht so eng mit meinen Emotionen verbunden. Im Augenblick brauche ich Geduld, sehr viel Geduld.
      Schönes Wochenende von Annie

      • Das mit der Geduld stimmt, liebe Annie. So schwer das immer wieder einzusehen und anzunehmen ist – es ist mit die wichtigste Maxime im Kampf gegen die Depressionen.

        Vielliech kann es Dir ein ganz klein wenig helfen, wenn Du in Phasen, wo Dich die Geduld verlassen will, ein bisschen an Menschen denkst, die Dich verstehen, Dein Kämpfen, das, was und warum so schwer dabei ist. Und daran, dass diese Menschen buchstäblich im Mindesten aber moralisch mit Dir gemeinsam kämpfen. Du bist darin und überhaupt, nicht alleion.

        Noch einmal ganz liebe Grüße!

  3. Die Zeit in der Klinik war offensichtlich eine intensive Erfahrung und das nicht immer im guten Sinne. Ich hoffe, Du kannst was für Dich mitnehmen, was Dich weiter bringt und Du stehst nicht schlechter da als vor der Klinik.
    Wie gut, dass Du nach Hilfe fragen und Dich öffnen konntest. Nur so kann man auch Hilfe kriegen, wenn man seine Bedürfnisse äußert.

    Danke für diesen Beitrag!
    LG Gabi

    • Liebe Gabi,
      ich nehme definitiv etwas für mich mit, nur eben nicht nur ‚kraftspendendes‘. Es war ein wichtiger Abschnitt, der mir einiges sehr deutlich vor Augen geführt hat. Jetzt muss ich schauen, wie ich das in mein weiteres Leben integriere, was wirklich überhaupt nicht einfach ist.
      Komm gut in die neue Woche!
      Annie

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