Ankommen

Die ersten Tage in der Klinik

Ich bin seit 2 Tagen in der Reha und versuche mich nun langsam einzugewöhnen. Die Tage Woche vor meiner Anreise war sehr stressig und ich bin an die Grenze meiner Kräfte gestoßen. Trotzdem habe ich alles noch rechtzeitig geschafft. Wahrscheinlich auch dank meiner frühen Planung mit Checkliste. Bullet Journal rules!

Bereits in den ersten Stunden hier habe ich bemerkt, wie stark mich meine sozialen Ängste doch noch einschränken – die Angst vor Fehlern bzw. fehlerhaftem Verhalten und Bewertungen sitzt tief. Teilweise auch so versteckt, dass ich es gar nicht bewusst wahrnehme. Dazu kam mir folgendes Bild in den Kopf.

Stellt euch eine Person vor einer riesigen Mauer aus dicken Steinen vor. Nach außen wirkt sie völlig ’normal‘, aber in ihrem Inneren schleichen sich regelmäßig Ängste, Unsicherheit und Verzweiflung ein. Jetzt steht sie also vor dieser Mauer und zuckt ahnungslos mit den Schultern, weil sie ihre Gefühle nicht nachvollziehen kann. Wenn sie jedoch einmal ganz still und aufmerksam ist, wird sie viele (alte) Stimmen hinter der Mauer hören können.

„Die Anderen mögen dich nicht.“
„Mach nichts falsch!“
„Halt dich zurück!“
„Du bist egoistisch und willst nur Aufmerksamkeit!“
„Angeberin!“

Gleich am ersten Tag bekam meine Mauer Risse. Als ich in der Klinik ankam, gab es gerade Mittagessen. Ich ging also Richtung Speisesaal, sah dort ewig viele Menschen stehen und musste aus Überforderung fliehen. Ab in die Vermeidung und nochmal aufs Zimmer. Am liebsten wäre ich gar nicht essen gegangen. Etwas später habe ich mich dann doch noch getraut. Allerdings mit heftigem Unbehagen.

„Jeder schaut mich an und weiß sofort ich bin neu. Jetzt bloß nicht negativ auffallen.“

Aber was wäre daran wirklich schlimm? Alle waren doch schon der/die Neue und haben exakt die gleiche Situation erlebt. Die meisten werden vermutlich nachempfinden können, wie es mir dort in diesem Moment gerade ging.


Beim Abendessen habe ich dann versucht, mich in Gespräche meiner Tischnachbarn einzubringen. Eigentlich ist die reine Handlung des Sprechens gar nicht so das Problem. Nur was gleichzeitig in meinem Kopf abgeht, gleicht einem Feuerwerk.

„Soll ich mich wirklich einmischen?“
„Fühlen sie sich durch mich gestört?“
„Interessiert sie überhaupt, was ich zu sagen habe oder wirke ich einfach nur besserwisserisch?“
„Will ich mich nur beweisen?“
„Was denken sie jetzt über mich?“


Eine Mitpatientin fragte mich direkt am zweiten Tag, ob wir mal etwas zusammen unternehmen wollen. Die vordergründige ‚Handlungs-Annie‘ lächelte und sagte „Ja klar!“ Aber innerlich war wieder die Hölle los, weil ich total überrumpelt war.

„Nein, ich will doch gar keine festen Verabredungen, aus denen ich nicht fliehen kann. Hilfe!“


Ihr seht, ich werde hier ein riesiges Übungsfeld haben. Einerseits macht es mir im Hinblick auf meine hohen Ansprüche große Angst, andererseits habe ich in den ersten Tagen schon so viele kleine Details identifiziert, dass ich die Chance habe, richtig gut an mir zu arbeiten!

Falls ihr wissen möchtet, wie hier so der Tagesablauf aussieht, welche Therapien es gibt oder allgemeine Fragen habt, dann gebt mir gerne eine Rückmeldung in den Kommentaren. Ich freue mich, von euch zu hören.

9 Gedanken zu “Ankommen

  1. Hallo Annie,
    bitte erzähle etwas vom Tagesablauf. Ich werde demnächst auch zur Reha fahren . Da es meine erste ist, schwanke ich zwischen mich freuen und Angst haben.
    Lieben Gruß
    Ulrike

    • Liebe Ulrike,
      ich werde sehr gerne von meinem Tagesablauf berichten. Weißt du schon, wohin du kommen wirst? Meine Angst davor war auch riesig, aber es ist meist gar nicht so schlimm, wie wir es uns ausmalen. Wann genau geht es los?
      Viele Grüße von Annie

  2. Liebe Grüße in die Reha. Deine Angstgedanken kann ich so gut nachempfinden, ich spüre den Stress beim Lesen, puh! Viel Kraft für Dich und habe trotz aller Anstrengung eine wundervolle Zeit! P.s.: Klar will ich alles wissen über Therapien, die Klinik, Klinikgröße, Patientenanzahl, Klinikessen, Personal, Umgebung, … 😉 meinetwegen kannst Du nicht genug schreiben, aber bitte nur, wenn Du magst, denn das offline-Klinik-Leben wird Dich bestimmt sehr fordern.
    Herzliche Grüße
    Agnes

    • Liebe Agnes,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Mir werden diese Gedanken auch erst in letzter Zeit wieder richtig bewusst, weil ich mich traue, doch noch genauer hinzuschauen. Ich dachte eigentlich ich hätte das gut in den Griff bekommen, aber ich vermute sie wurden nur hinter die Mauer gesperrt und dort wüteten sie einfach weiter. Das hat mich natürlich immer wieder beeinflusst, auch wenn ich total ’normal‘ gehandelt habe. Schon seltsam!
      Also ich glaube ich schaffe es leider nicht, alle Zimmer abzugehen, um einen ausführlichen Bericht mit Interviews aller Patienten für dich zu schreiben 🙂 Aber ich werde von meinem persönlichen Alltag hier berichten. Mal schauen, wie es nächste Woche weitergeht, wenn alle Therapien starten.
      Hab ein schönes Wochenende!
      Annie

  3. Hallo,
    ich möchte auch gern wissen,wie so ein Tagesablauf aussieht. Ich war noch nie in der REHA, ich habe einfach Angst davor vor dem Neuen, Unbekannten, Ungewohnten. Was ist, wenn … dann kann ich nicht …, dann muss ich ….
    Bitte erzähle, wie es dir in der REHA ergeht, was sie mit dir macht.
    Liebe Grüße
    Weena

    • Liebe Weena,
      gerne doch! Angst vor dem Unbekannten/Unsicheren habe ich auch. Veränderungen mag ich gar nicht. Du bist in der Reha aber auch nicht gefangen 😉
      Viele Grüße von Annie

  4. Ach herrje, da kriege ich beim Lesen schon Stress. Obwohl ich diese sozialen Ängste nicht habe, konnte ich Deine Gedanken und Reaktionen trotzdem gut nachvollziehen. Ich drücke Dir die Daumen, dass es von Tag zu Tag leichter wird und Du viele Erfolgserlebnisse hast – und lockerer und entspannter dadurch wirst.
    Ich hab so gar keine Vorstellung, wie es in einer Reha zugeht und freue mich über alles, was Du davon erzählen magst.
    Liebe Grüße
    Gabi

    • Liebe Gabi,
      ja das ist auch anstrengend und mich wundert es gar nicht, dass ich oft erschöpft bin. Das läuft automatisch im Hintergrund ab, so dass ich es eben auch nicht immer wahrnehme. Über die Reha werde ich sicherlich noch einiges berichten 🙂
      Viele Grüße und guten Wochenstart
      Annie

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