Ganz oder gar nicht

Ich kann es mir einfach nie Recht machen!

In den letzten 15 Jahren war es für mich normal, dass ich sehr viel Zeit zu Hause, im Schutz meiner Wohnung, verbracht habe. Sobald es Frühling wurde und die Temperaturen stiegen, hatte ich zwar den Drang nach draußen gehen zu ‚müssen‘, aber wollte es oft gar nicht wirklich. In meinen schlimmsten depressiven Phasen, habe ich tagelang den Verdunkelungsvorhang nicht geöffnet, damit ich das gute Wetter nicht sehen musste und sich mein schlechtes Gewissen dadurch noch vergrößerte.

Es ist jetzt nicht so, dass mir Sonne und Bewegung nicht gut tun würden. Ich liebe die Natur, vor allem im Frühling, wenn Tiere und Pflanzen zu neuem Leben erwachen. Trotzdem habe ich mich viel zu oft nach draußen gezwungen, weil mir der innere Druck zu groß geworden ist.

Da war die Nachbarin, die mich jedes Mal bei Sonnenschein nach draußen drängen wollte. Da waren sind meine Eltern, die mir ständig in den Ohren liegen, wie gesund es doch sei, sich an der frischen Luft zu bewegen. Meine Mutter ist auch der Meinung, gutes Wetter könne meine Depressionen einfach wegzaubern. Bei Sonnenschein kann ‚man‘ ja schließlich nicht schlecht drauf sein.

An Tagen, an denen ich in meiner Wohnung bleiben wollte, erfand ich für mich gute Gründe, um nicht nach draußen gehen zu müssen. Am liebsten schob ich dabei den Haushalt vor. Jetzt könnte man meinen, ich hätte wie eine wilde Putzfee meine Wohnung auf Vordermann gebracht. Das war jedoch nie der Fall!

Die meiste Zeit gammelte ich vor dem Fernseher oder Computer herum, um mich abzulenken und berieseln zu lassen. Wenn ich am Ende des Tages doch noch eine Aufgabe im Haushalt erledigt hatte, war ich einerseits richtig stolz, weil es ja der legitime Grund dafür war, nicht nach draußen zu müssen. Andererseits wütete in meinem Hinterkopf das schlechte Gewissen weiter.

Seit einigen Wochen ist es anders. Ich nutze so viel Zeit wie möglich, um mich draußen zu bewegen. Nur leidet jetzt mein Haushalt darunter, was mich wiederum unheimlich stört. An Tagen, an denen ich viel Zeit außer Haus verbringe, habe ich meist nicht mehr die Kraft, meinem Perfektionismus im Haushalt zu entsprechen. Ich bin dann einfach total platt, wenn ich nach Hause komme. Deshalb schiebe ich die Aufgaben ewig lang vor mir her bis ich total unzufrieden bin.

Ihr seht also, egal was ich mache, ich bin nie vollkommen zufrieden – so ganz ohne schlechtes Gewissen.

„Du kannst nur das eine oder das andere richtig machen!“ Wieso eigentlich? Sind es nicht schon allein diese Gedanken, die mich einschränken? Ich muss weder Erwartungen von Außen erfüllen noch alles perfekt hinbekommen. Mein Verstand weiß das, mein Gefühl hinkt jedoch noch hinterher.

Beitragsbild von Pixabay

6 Gedanken zu “Ganz oder gar nicht

  1. Hey liebe Annie,

    ja, ich glaube Deine Perfektionsgedanken rauben Dir oft sehr viel Energie, weil es ganz unmöglich ist ihnen in allen Bereichen gerecht zu werden. Kennen tun das bestimmt viele. Es geht einfach nicht, überall den eigenen und auch fremden Ansprüchen gerecht zu werden. Die einzige Folge davon ist, dass wir allein bei den Gedanken daran schon Energie verlieren, die wir eh schon nicht im Übermaß besitzen.
    Ich glaube es ist nicht so leicht sich davon zu lösen, aber am Ende ziemlich befreiend.
    Ich bin da auch nach wie vor sehr am Feinjustieren.. Ich hab die ganze Woche zum Beispiel auch mega viel Zeit draußen verbracht, weil einfach so tolles Wetter war. Ich wäre drinnen am PC definitiv schneller mit der Arbeit fertig gewesen, aber mit Skizzenbuch in der Sonne war schöner. Da hats ganz gut funktioniert. Dafür ist der Haushalt auch echt übel liegengeblieben. Da meldet sich mein schlechtes Gewissen auch nach wie vor. Aber mal ehrlich, ab Montag solls schon wieder regnen, bis dahin kann der auch gut mal warten. Sich trotzdem nicht schlecht zu fühlen und noch mehr Energie in diese blöden Gedanken zu verbrennen ist gar nicht so einfach.
    Ich bin auch immer noch schlecht im Dinge einfach so nebenher machen, dabei muss man eigentlich nicht so viel Energie in so Dinge wie Haushalt stecken. Aber da ist mein ganz oder gar nicht auch immer noch groß..
    Ich glaube da hört man nie auf zu lernen ;-).
    Aber wenn es einem auffällt, ist es schonmal ein großer Schritt..

    Alles Liebe,
    Jo

    • Liebe Jo,
      ich vermute auch, dass die Gedanken mehr Energie ziehen, als die eigentliche Aktion es tun würde. Beim Haushalt fühle ich mich schnell überfordert. Okay, ich fühle mich egal, was ich tu, schnell überfordert, weil ich meinem Anspruch nie gerecht werden kann. Ich wollte mir mal eine neue Strategie überlegen, wie ich kleine Aufgaben, in eine Art Routine einfließen lasse, so dass ich nicht immer gleich vor einem riesigen Berg stehe. Hast du schon einmal von dem FlyLady System gehört? In der Bullet Journal Szene habe ich das einige Male gelesen, aber mich noch nicht auseinandergesetzt. Das werde ich in der Reha in aller Ruhe tun. Vielleicht ist es etwas für mich.
      Viele Grüße von Annie

  2. Achtung: Vorsicht, Humor. Unbedingt die Kommata mitlesen, sonst Gehirnverküselung.

    Hej, coole Beweisführung!
    .
    ..
    ….
    hab aber das Gefühl, dass sie dich nicht so ganz überzeugt. Klingt ja wirklich so, als wünschtest du dir da Ausgeglichenheit in innen-außen, aktiv-passiv usw.

    WIE gut ich das kenne!
    Und ich bin froh, dass du alles genau so beschrieben hast, wie ich das mit mir kenne … äh, warte mal … dieses Staubkorn da auf dem Laptop … also, wo war ich? Kenne… ja.

    Es gab echt tolle Sommer. Liegste völlig erschöpft von der Erschöpfung inner Kiste und diese wirklich sehr, sehr hellen Sommersonnenstrahlen dringen durch die wohl doch ganz so hermetische Verdunkelung der Fenster durch. Ob da mein Unterbewußtes wohl absichtlich geschluddert hat? 🙂

    Und dann, ja, dann eines Tages hab ich mich durchgerungen, schleppe mich mal einfach so, also, so vollkommen ohne einen Arzttermin oder einen Überlebenseinkauf vor mir zu haben, nach stundenlanger („Was zieh ich an, was nicht von alleine aufrecht stehen kann?“) Anlaufzeit, weil ja vorher noch die Küche, das Bad, mein Zimmer, oh, Gott, ja, mein Zimmer, diesem Depressions-Wetterhoch-Anfallsmonster fröhlich in die Krallen fielen, …
    also, ich habe es ENDLICH vor die äußere Haustür geschafft und …
    wundervolle, klare, kalte Luft flutet meine depri-verklebten Lungenflügel.

    Bis es dann Millisekunden später Plopp! macht und sich die Gänsehaut bereits gleich Spontanwindpocken auf mir breit gemacht hat.
    Überall liegen schöne bunte Blätter und schauen sich ihre bisherigen Arbeitgeber von unten an.
    Tja, spätestens da frage ich mal wieder:
    Der Sommer? Wo ist der? Dieses Jahr bin ich doch wirklich früh dran.

    In diesem Sinne, liebe Annie, genieß dein Aktivsein solange du es aushältst und wenn es nicht mehr geht, mach doch einen ausgiebigen Zwischenstopp in der Eisdiele und schlabber die Grübelgedanken zu Boden!

    Und über der Staubschicht zuhause, hej, lässt es sich dann so viel leichter drüberschweben!

    Herzliche Grüße aus Lüneburg,
    Klaus

    P.S. Gehe auch gleich raus. Muss nur noch Wäsche waschen, aufhängen, ein Gästezimmer richte, oh, der Spülberg, und dann dieser Teppich im Flur, der von alleine Steine, Haare, Staubflusen generiert, mal abgesehen von dieser Raufaserwand, die jeden Tag mehr Macken hat, Wasserflecken allerorten nur um mich in Trab zu halten, … ach, komm, heut ist Sonntag (im Herzen): Jetzt hol ich mir mal den zweiten Kaffee! Grins.

    • Nix da, verbind deine Augen, lieber Klaus, und raus mit dir! Ganz vielen Dank für deine Worte. Du hast meinen Punkt wirklich sehr humorvoll begriffen. Immerhin hast du es geschafft, mir gerade ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Hachja!
      Annie

  3. Hallo Annie,
    der eigene Anspruch an sich und andere….sind wir dafür da, die Erwartungshaltung anderer Menschen zu erfüllen? Nein! Wie steht es mit der Erwartungshaltung an uns selbst? Dieser blöde Perfektionismus! Sollten wir nicht Milde walten lassen mit uns? Dieses Hin-und Her gerissen sein, dieses schlechte Gewissen über die liegengebliebenen, unerledigten Dinge…einfach nur Mal sein im Hier & Jetzt! Wenn einfach nur so einfach wäre! Achtsamkeit & Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und Selbstvertrauen….
    Warum finde ich es total doof, wenn die Sonne scheint und alle sich freuen über das tolle Wetter? Warum finde ich es prima, wenn es bewölkt ist?…
    Ende 2014 bin ich im Urlaub (mit meiner Familie) zusammengebrochen, habe 3 Tage im Bett verbracht. Mein Körper bleischwer, kaum Hunger und Durst, suizidale Gedanken…..
    Wieder Zuhause habe ich alles für mich organisiert: Psychotherapie, Reha….Diagnose: Akute Erschöpfung, Burn-Out, Depression, Anpassungsstörung…
    2016 erneuter Zusammenbruch mit gravierendem Gewichtsverlust und Klinikaufenthalt für 10 Wochen mit AD- Gabe.
    2017 trennt sich mein Ehemann von mir und mittlerweile haben meine 2 Söhne keinen Kontakt mehr zu mir…
    Derzeit bin ich ohne eigene 4 Wände, bald ohne Job…wohne bei meinen Eltern…
    Psychotherapeutisch bin ich die absolute Katastrophe, da alle wichtigen Säulen gerade weggebrochen sind….die Scheidung wird zum Rosenkrieg und ich frage mich, mit wem ich 23 Jahre meines Lebens verbracht habe????
    Mein Anker ist meine Golden-Retriever Hündin Luna!!! Meine Freundinnen und meine Reha-Seelenschwester! Mein Glaube an das Gute und Schöne! Mein Lebens- bzw Überlebenswille! Auch, wenn manche Tage für mich tiefgrau und nicht himmelblau sind!
    Keine Maske aufsetzen! Ich sein! Mit allen Ecken, Macken und Kanten! Mich annehmen so wie ich bin! Mich selbst wertschätzen!
    Reden ist so wichtig! Über die Depression reden und alles was damit zu tun hat! Hilfe annehmen und um Hilfe bitten! Den ganz eigenen Weg finden! Den Kurs auf hoher See halten…. dies alles kostet viel Kraft und Energie!
    Ich wünsche Dir und allen anderen viel Kraft und positive Energie!
    Namaste!
    Claudia

    • Liebe Claudia,
      zuerst einmal entschuldige, dass ich noch nicht dazu gekommen bin, deinen Kommentar früher freizuschalten. Ich bin ganz frisch in die Reha gekommen und heute das erste Mal hier wirklich eingeloggt. Du hast auch schon einige tiefe Täler hinter dir und ich bewundere dich gerade für deine Sichtweise auf das Leben! Hilfe zulassen – so wichtig und mir fällt das so unglaublich schwer. Tiere sind auch etwas ganz tolles! Sie nehmen dich so wie du bist und geben ganz viel Liebe ohne irgendwelche Forderungen zu stellen. Genieß die Zeit mit deiner Hündin.
      Viele Grüße von Annie

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