Überforderung mit Fluchttendenz

In knapp 2 Wochen geht meine Reha los!

Gestern war der Brief der Klinik mit meinem Aufnahmetermin in der Post. Einerseits bin ich erleichtert, endlich ein Datum zu haben, andererseits macht mich die Nervosität total unruhig. In meinem Kopf ging es auch direkt drunter und drüber. Was muss ich alles noch erledigen? Welche Unterlagen müssen noch verschickt werden? Wen muss ich informieren?

Ich bin schon allein mit diesem organisatorischen Kram etwas überfordert. Wenn dann noch solche Gedanken wie „hoffentlich bekomme ich eine Therapeutin und die Leute dort sind nett“ hinzukommen, fängt das Karussell erst richtig an zu drehen.

Dem Brief war ein dicker Aufnahmebogen beigefügt, den ich zu Beginn der Reha ausgefüllt mitbringen soll. Gestern Abend dachte ich mir also, ich könnte das mal eben machen. Ja gut, mal eben ist bei so einem Fragebogen nicht. Es gibt zwar einige Fragen, die nur durch Ankreuzen beantwortet werden können, aber den Großteil muss ich ausführlich beschreiben.

Und schon sind sie wieder da. Die ewigen Selbstzweifel und Ängste. Was möchte ich mit der Reha erreichen bzw. was sind meine Ziele? Ja, was sind denn MEINE Ziele? Allein mit diesem Thema habe ich doch schon genug Probleme. Welche Beschwerden stehen bei Ihnen im Vordergrund? Wie beeinträchtigen Sie diese Beschwerden auf der Arbeit/in der Freizeit/zu Hause? Welche Ursachen gab es? Wie ist die Beziehung zu Mutter/Vater/Bruder?

Hilfe, ich will fliehen!

Sind meine Beschwerden/Probleme groß genug für eine Reha? Mache ich mich nicht total lächerlich? Was genau beeinträchtigt mich schon? Vielleicht bin ich einfach nur zu faul/bequem, um mich am Riemen zu reißen. Ich weiß, dass diese Selbstzweifel und Herabwertungen auch Teil meines Krankheitsbildes sind, aber sie dominieren gerade mein ganzes Denken. Vor allem die Frage nach dem Erfolg der Reha, kann ich nicht wirklich beantworten. In meinem Idealismus wird sie natürlich Wunder bewirken, aber ehrlich gesagt bin ich eher pessimistisch eingestellt. Ich kann doch aber nicht hinschreiben „Ich denke die Reha wird mir sowieso nicht helfen können“. Wieso mache ich sie dann überhaupt?

Mein vernünftiger Anteil versucht mich derweil zu beruhigen. „Annie, fahr erstmal hin, schau dir alles an, lern die Menschen dort kennen. Nimm mit, was du bekommen kannst und setz dich nicht unter Druck.“ 

Wie gerne möchte ich diesem Anteil einfach glauben können! Stattdessen kämpfe ich dagegen an, nicht kurzfristig die Flucht zu ergreifen und alles abzusagen. Innerliches Chaos!

Ein weiteres Problem ist, dass ich Angst habe, den Therapeuten vor Ort keine Chance zu geben. Mir fällt es schwer, mich zu öffnen und Vertrauen zu fassen. Dafür habe ich bei meiner jetzigen Therapeutin fast die gesamte Länge einer Therapie gebraucht. Und sie ist verdammt gut auf ihrem Gebiet.

Ich neige dazu, Vergleiche zu ziehen. Gerade dann, wenn mir schon so eine erfahrene Person zur Seite steht. Da ist es fast egal, dass der vernünftige Anteil der Meinung ist, ich könne es auch mit anderen probieren. Es wird  innerlich trotzdem rebelliert.

Und eigentlich sind das doch alles schon perfekte Themen!

Beitragsbild von Pixabay

2 Gedanken zu “Überforderung mit Fluchttendenz

  1. Hi Annie,
    versuch Dich ein bisschen aus dem schwarz und weiß („hilft gar nicht“ „bewirkt Wunder“ u.Ä.) zu lösen und sieh den Aufenthalt und die Angebote und Therapeuten dort als Werkzeuge. Denn mehr ist es nicht: egal ob ambulant oder stationär, Du bekommst nur Werkzeuge in die Hand, mit denen Du etwas bauen kannst. Und wenn der Schraubenzieher dort nicht so toll wie der zuhause sein sollte.. so kann er trotzdem Schrauben reindrehen ;). Und wer weiß, was dafür noch anderes dort so „rumliegt“ und was man daraus machen kann..

    Ich hatte bei einem Klinikaufenthalt ja mal die schrecklichste Vertretungstherapeutin die man sich vorstellen kann (ein bisschen wie mit einem Schlitzschraubenzieher Korxschrauben reindrehen zu müssen). Aber ich hab aus dem Aufenthalt nicht weniger mitgenommen als aus den anderen, weil ich mir überlegt habe was ich will und die Therapeutin nur für die Zwecke benutzt hab, die mit ihr möglich waren. Ansonsten hab ich die anderen Angebote und vor allem meine Gruppe für mich genutzt und dadurch ganz andere Fortschritte gemacht als geplant.
    Grüßli,
    Jo

    • Liebe Jo,
      wo du über schwarz oder weiß schreibst, wird mir in letzter Zeit immer klarer, dass ich ganz häufig in diesen Kategorien denke. Wie du auch schon einmal so schön sagtest „ganz oder gar nicht“. Das wäre doch auch ein gutes Ziel – den Mittelweg finden, ohne dabei ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle zu haben. Danke dir für deine Rückmeldung!
      Annie

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