Ziele

Bald enden meine bewilligten Stunden für die Therapie und ich habe deshalb eine Aufgabe von meiner Therapeutin bekommen. Ich soll mir überlegen, was ich bisher schon mit Ihrer Hilfe erreicht habe und bei welchen Zielen ich noch Unterstützung brauche. Sie muss nämlich einen ausführlichen Bericht schreiben, damit ich evtl. nochmal eine Verlängerung bekomme. Es macht mir ehrlich gesagt große Angst, nicht zu wissen, ob ich schon bald mit dem Thema Abschied konfrontiert werde oder nicht. Dafür bereit bin ich noch lange nicht!

Was sind denn nun aber meine Ziele?

Diese Frage stellt mich jedes Mal vor ein großes Rätsel. Egal, wo ich bisher therapeutische Hilfe bekommen habe, war sie eine der ersten Fragen. Mir fällt dazu auch immer etwas ein, aber ich bin nie sicher, ob diese Ziele wirklich von mir kommen oder ich einfach einem äußeren Bild entsprechen will.

Dazu ein aktuelles Beispiel:
Als ich meinen Reha-Antrag für die Rentenversicherung ausgefüllt habe, musste ich angeben, welche Erwartungen ich an die Reha habe. Klar fielen mir direkt ein paar gute Punkte ein, ABER je mehr ich darüber nachdachte, umso unsicherer wurde ich, ob diese Ziele wirklich meine sind oder von außen (Therapeutin, Psychiaterin, Familie, Arbeit, etc.) vorgegeben/erwartet werden. Ich überlegte, was ICH wirklich will und mein Kopf war einfach nur leer. Ich glaube ich habe nie gelernt ureigene Ziele zu entwickeln. Meine Entscheidungen beruhten oft auf emotionalen Ausbrüchen, um bestimmten Vorgaben entfliehen zu können.

Es ist aber auch echt schwer für mich, meine Ziele zu finden, weil ich nie darin unterstützt worden bin, meinen eigenen Weg zu entdecken. Ich habe schon ein paar Ideen im Kopf, was ich für meine Therapeutin aufschreiben mag, aber wahrscheinlich werde ich sowieso nicht zufrieden sein – Perfektionismus und Zweifel lassen grüßen. Mir fehlt ein effektives Endziel, von dem ich überzeugt bin, es wirklich erreichen zu können. Aber braucht es das wirklich?? Zählen nicht auch die vielen kleinen Schritte, die ich im Laufe der Jahre gegangen bin? Wieso kann ich damit nicht einfach zufrieden sein?

7 Gedanken zu “Ziele

  1. Ich glaube, bei der Frage nach Zielen spielt auch der Zeitraum oder Zeitpunkt eine Rolle, wann diese Ziele erreicht sein sollen. Ich weiß exakt, was ich auf der Arbeit nächste Woche geschafft haben möchte. Aber was sind meine Ziele für diesen Monat? Das nächste halbe Jahr? Da bin ich wohl ähnlich planlos wie du. Wundert mich nicht. Im Kindergarten wird durch unsere Eltern entschieden, welchen Kindergarten wir besuchen und Lernziele durch Erzieher festgelegt. Das gleiche gilt für die Schulzeit später. Richtig schlimm wird es für viele, die in Rente gehen, wo auf einmal die Tages- und Wochenstruktur völlig wegfällt. Etwas, was sie faktisch ihr ganzes Leben lang, über viele Jahrzehnte, hatten.
    Ich habe neulich erst ein Interview mit der zeitweise Schlagzeugerin von Prince gesehen. Sie erzählte, dass sie ein Kind bekommen hat und jetzt vor allem das Projekt Mutter sein hätte. Eine Sache, die sie und ihr Mann von Prince von ihm übernommen hätten, wäre Tag für Tag zu leben. Offenbar planen sie nicht besonders weit hinaus. Warum überhaupt? Wer kann schon sagen, was uns morgen passiert und evtl. schon die Pläne für diesen Tag durcheinander wirft? Eine simple Erkältung, die uns ans Bett fesselt reicht manchmal schon. Ich denke, es ist überhaupt nicht schlimm, dass du nicht so weit voraus planst und keine Ziele formulieren kannst für dich. Natürlich nur, bis du genau diese Aufgabe von deiner Therapeutin bekommst… 😉 Vielleicht lässt du uns teilhaben, was du gemacht hast, um deine Ziele doch zu finden und formulieren zu können. 🙂

    • Liebe Sarah,
      du hast Recht, dass wir nicht alles bis ins Details planen können. Ich denke es gibt kurzfristige und langfristige Ziele. Kurzfristige Lebensziele habe ich durchaus, aber langfristig weiß ich absolut nicht, wohin ich möchte. Vor allem in Bezug auf die Therapie fällt es mir schwer, Klarheit zu bekommen. Ich werde mich in Ruhe hinsetzen und mal schauen, was meine Gedanken mir alles liefern. Das hilft mir zur Zeit sehr!
      Annie

  2. Liebe Annie,
    was ich vor Jahren mal gemacht habe, um meine Gedanken im Bezug auf meine berufliche Orientierung mehr zu sortieren, ist eine Mindmap mit allem, was mir zu dem Zeitpunkt spontan einfiel, was mich interessiert, ich kann oder gerne mache. Da kamen dann auch Sachen rein, die erstmal nicht gerade sinnvoll oder irgendwie in einen Beruf umsetzbar wären wie Interessen an Zauberei, Hypnose, Comics (speziell Batman und Alan Moores Comics wie Watchmen). Ich finde, selbst nur Stichworte in einer Mindmap auf Papier zu haben, kann helfen. Auf dem Papier kann man es ordnen und man hat es aus dem Kopf schriftlich festgehalten. Nicht, dass es mich wirklich weiter gebracht hätte bei der Überlegung, was mein wirklicher Berufswunsch wäre. 😀 Aufgrund der Art der Stichworte ist mir trotzdem einiges klarer geworden über die Arbeitsbedingungen, unter denen ich mich wohler fühle als bei gewissen anderen Arbeiten.
    Liebe Grüße
    Sarah

    • Wenn ich mich zur Zeit an meine Texte setze, mache ich vorher auch immer eine Art mind map. Ich notiere erstmal alles, was mir in den Kopf kommt und dann lass ich es in einen Text fließen. In Bezug auf die Ziele, lass ich auch erstmal alles kommen, wie es kommt und schau es mir dann später genauer an.

  3. Ach, Annie, du sprichst mir aus der Seele.
    Diese innere Leere, wenn es um mich, meine Bedürfnisse und Ziele geht.
    Klar tauchen schnell Vorstellungen auf, die sich gleich einer vielverschachtelten Babuschka-Figur um mich rumstülpen, aber: Wo bin ich? Was ist meins?
    Und wenn es mir gelingt, einen Fitzel von mir zu erhaschen, flüchtet er sich in Gedanken, in Wenns und Abers und – zack! – ist er/es weg. Außerdem lässt es mich erschöpft und noch desillusionierter zurück.
    So wird Leben zum Vegetieren. Nicht schlecht, nicht recht, glatte Oberfläche auch dank ausgleichender Medikamente.

    Tatsächlich übe ich mich darin, die kleinen Schritte
    a) zu gehen
    b) sie als wertvoll anzusehen
    c) und mir dafür auch auf die Schulter zu klopfen.

    „Endziel“? Unmöglich schreit mir meine Seele ins Bewusstsein und schickt mir Lethargie und Antriebslosigkeit. Im günstigsten Fall. Also wieder zurück auf Null … oder auf zwei – woll’n ma nich so sein 🙂

    Hier und Jetzt. Ein beliebtes Konzept der Achtsamkeit. Hab ich auch irgendwie verstanden. Das ist ja schließlich nicht das Problem, dass ich was intellektuell verstehe. Nein, die Übung ist, dem Kleinen Unversorgten in mir, das tiefe aufrichtige Gefühl der Zuwendung und des für ihn/sie Sorgens zu geben.
    Da darf ich dann auch schon wieder nicht drüber nachdenken, wird sonst sofort zur Sysiphos-Last und somit unerfüllbar.

    Also – Ziele… aufstehen, anziehen, hej: Zähne putzen, irgendwann einfach einen Spaziergang schaffen, den Staub von der Fensterbank mal wegwischen, die Mail eines lieben Menschen mal beantworten, mal einfach still sitzen bleiben und mich aushalten … holla: andere Menschen nicht nur in Gedanken treffen.
    Puh. Lange Rede. Danke dir sehr für deinen Einblick in das, was dich bewegt oder eben auch nicht. Alles Liebe!

  4. Vielleicht reicht es auch, immer den nächsten Schritt zu Tun.
    Tatsächlich ist es doch so, dass auf dem Weg die Ziele sich wandeln, weil man wächst …
    Ich wünsch dir alles Gute!

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