Wie krank bist du eigentlich wirklich?

Ich hatte vor Kurzem ein interessantes Gespräch mit Nelia, bei dem die Frage aufkam, was eigentlich eine ’schwere depressive Episode‘ ist. Wie zeigt sich, dass man gerade in einer tiefen Krise steckt? Ist es wirklich so, wie die Mehrheit denkt – den ganzen Tag im Bett liegen und dahinvegetieren?

Aber wie sind wir eigentlich auf das Thema gekommen?

Mir geht es im Augenblick emotional gar nicht gut und ich bin relativ sicher, dass ich depressive Züge habe. Alles fällt schwer, ich bin motivations- und antriebslos und empfinde sehr wenig Freude an Dingen, die einmal Spaß gemacht haben. Ich kann schwer Kontakt zu Freunden/Bekannten aufnehmen und ‚belanglose‘ Themen, die gerade nichts mit mir zu tun haben, strengen mich an. Über das Thema des (sozialen) Rückzugs kam ich dann mit Nelia ins Gespräch und sie erzählte mir, wie es bei ihr war, als sie in einer ’schweren‘ depressiven Phase steckte.

Was also ist eine schwere depressive Episode?

Das ICD-10* bietet relativ klare Diagnosekriterien für die Einstufung.

F32. – Depressive Episode
Symptome: gedrückte Stimmung, Verminderung von Antrieb und Aktivität, wenig/keine Freude, Verminderung von Interessen und Konzentration, ausgeprägte Müdigkeit, geringes Selbstwertgefühl, wenig Selbstvertrauen, Schuldgefühle, Gedanken über Wertlosigkeit, Schlafstörungen, Veränderung des Appetits, Libidoverlust

Leichte depressive Episode (F32.0)
Bei einer leichten depressiven Episode treten 2-3 der genannten Symptome auf. Der Alltag ist zwar beeinträchtigt, aber die meisten Aktivitäten können weiter fortgesetzt werden.

Mittelgradige depressive Episode (F32.1)
Bei einer mittelgradigen depressiven Episode treten 4 oder mehr der Symptome auf. Der Erkrankte hat große Schwierigkeiten seinen Alltag noch ’normal‘ zu bewältigen.

Schwere depressive Episode (F32.2)
Bei einer schweren depressiven Episode treten mehrere der Symptome in ‚quälendem‘ Ausmaß auf. Der Leidensdruck ist enorm hoch. Ganz typisch sind der Verlust des Selbstwertgefühls, ein Gefühl von Wertlosigkeit und Schuld sowie Suizidgedanken/-handlungen.

So einfach ist die Einstufung in der Realität jedoch nicht, denn die Symptome können bei jedem individuell ausfallen. Einige wachen sehr früh auf, während Andere, wie ich, vermehrten Schlaf brauchen. Einige leiden unter Appetitverlust und verlieren enorm an Gewicht, Andere fressen alles wahllos in sich hinein. Einige erleben ein ausgeprägtes Morgentief und Anderen geht es am Abend richtig schlecht. Diese Unterschiede machen es so schwer, eine richtige Diagnose zu stellen.

Ich denke nicht, dass ich aktuell in einer ’schweren‘ Episode stecke, selbst wenn mir mein Alltag unglaublich schwerfällt. Natürlich kann ich es auch nur im Vergleich zu meinen bisherigen Erfahrungen sehen. Als ich meine erste schwere Depression hatte, ging wirklich gar nichts mehr. Ich war unfähig meinen Alltag zu bewältigen. Meine Wohnung verwahrloste total. Überall auf dem Boden lagen Zeitungen und Kleidung. Mein Geschirr stapelte sich wochenlang – wenn nicht sogar mal über einen Monat – auf allen möglichen Ablageflächen. Der Verdunkelungsvorhang vor dem Fenster blieb eigentlich immer geschlossen. Wenn ich Hunger hatte, holte ich schnell einen Snack im Supermarkt nebenan oder bestellte Fast Food. Einer meiner peinlichsten Momente war, als der Kioskbesitzer von gegenüber sagte, ich solle doch nicht mit nassen Haaren vor die Tür gehen. Meine Haare waren aber gar nicht nass – meine Haare waren extrem fettig, weil ich das Duschen nicht mehr hinbekam. Es war mir egal! Mein Schlafrhythmus verschob sich so stark, dass ich meist nachts wach war und tagsüber schlief. Als ich es kaum noch zur Berufsschule schaffte, stand ich eigentlich nur noch auf, um mich an meinen Laptop zu setzen. Ich frage mich, wie ich einen ganzen Tag lang mit sinnlosem Rumklicken im Internet verbringen konnte?!

Heute wundere ich mich darüber, wie ich es weitgehend alleine aus dieser Phase herausgeschafft habe. Ich möchte nie wieder an diesen Punkt in meinem Leben kommen. Haben meine Symptome vielleicht eine andere Qualität bekommen? Würde sich eine ’schwere depressive Episode‘ jetzt anders anfühlen als früher ?

Meine Therapeutin sagt, dass ich heute viel handlungsfähiger bin als früher. Ich habe mich weiterentwickelt und kenne Strategien, die mir helfen können. Mir tut es gut, eine gewisse Ordnung und Sauberkeit in meiner Wohnung zu haben, mich einigermaßen gesund zu ernähren und täglich etwas zu bewegen. Diese Struktur kostet in der Depression gerade enorme Kraft und ist doch so wichtig! Mir hilft dabei die tägliche Planung kleiner Aufgaben in meinem Bullet Journal. Aber nicht jeder Tag läuft gleich gut – an manchen passe ich die Planung spontan an oder zwinge mich auch schon mal zu Aktivitäten. Körperliche Bewegung gibt mir kurzfristig ein gutes Gefühl. Überhaupt alles, was irgendwie mit dem Körper zu tun hat, tut mir gut – eine heiße Dusche, baden, Sport, spazieren gehen oder auch die einfache Bewegung der Häkelnadel.

Ich fragte meine Therapeutin, wie sich für sie eine schwere Depression äußert. Ihrer Erfahrung nach sind die Patienten nicht mehr in der Lage ihren ’normalen‘ Alltag zu leben – morgens aufstehen, duschen, zur Arbeit gehen, Haushalt führen, soziale Kontakte pflegen, etc. Es gibt keinerlei Tagesstruktur. Sie erscheinen von jetzt auf gleich nicht mehr zur Therapie und sie muss große Mühe aufbringen, um irgendeinen Kontakt herzustellen. Zusätzlich äußern sich starke Suizidgedanken mit konkreten Absichten und Suizidhandlungen. Diesen Fällen legt sie dann dringend nahe, zur Stabilisierung in die Klinik zu gehen, weil die ambulante Therapie an ihre Grenzen stößt.

In meiner schlimmsten Phase bin ich häufig in der Dunkelheit an den Rhein gegangen. Ich stand am Wasser, tieftraurig und verzweifelt und dachte daran, wie einfach es doch wäre zu springen. Heute kann ich sagen „Gott sei Dank, dass ich es nicht gemacht habe!“ Meine Suizidgedanken sind mittlerweile eher eine Beruhigung. Ich weiß es gäbe diesen (Aus-)Weg und ich könnte ihn jederzeit nehmen. So paradox es klingen mag, es ist eine Absicherungsoption weiterhin an diesem Leben festzuhalten.


*Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (http://www.icd-code.de/icd/code/ICD-10-GM.html)

Beitragsbild von Pixabay

11 Gedanken zu “Wie krank bist du eigentlich wirklich?”

  1. Ein toller, in meinen Augen sehr wertvoller Beitrag!

    Du machst darin deutlich, was in den Medien oft vergessen wird: Dass es nicht DEN Depressiven gibt, sondern eine Depression eine sehr individuelle Geschichte ist (und darauf auch in der Behandlung Rücksicht genommen werden sollte!).
    Klar, es gibt Gemeinsamkeiten auf der Symptomebene, aber eben auch viele Unterschiede. Und die von fachlicher Seite aus festgestellte Schwere entspricht vielleicht auch nicht immer dem individuellen Empfinden des Erkrankten.

    „Interessant“ fand ich auch, wie die Symptome bei ein und der selben Person schwanken können: Während ich während meiner ersten beiden depressiven Episoden z.B. mit Appetitlosigkeit und starker Antriebslosigkeit zu kämpfen hatte, hatte ich bei einer Episode Jahre später Heißhungerattacken, vor allem auf Süßes und war unruhig und agitiert statt antriebslos.

    Ich finde es auch sehr mutig, dass du über deine Erfahrungen aus der tiefen Depression berichtet hast. Mir fällt es heute noch schwer, über einiges zu erzählen, was ich während meiner ausgeprägten depressiven Episoden nicht mehr hinbekomme habe., weil ich mich dafür schäme Ein paar Beispiele nenne ich jetzt trotzdem einfach mal, weil du so mutig vorgelegt hast:
    – Bücher fristgerecht in der Unibib abgeben oder verlängern. Es kam zu hohen Strafzahlungen
    – vor Nachmittag duschen und mich anziehen, wenn andere Personen mich nicht dazu antrieben
    – Wäsche aus der Maschine holen und aufhängen

    Dass man von mal zumal lernt, anders mit seiner Depression umzugehen, ist eine Erfahrung, die ich auch bestätigen kann und die ich sehr Mut machend finde.

    • Liebe Nelia,
      vielen Dank für deinen Mut, dich hier zu zeigen, wie es sein kann, wenn man voll in der Depression steckt. Das hat auch gar nichts mit Faulheit oder so zu tun, wie es oftmals angenommen wird. Was du über die schwankende Symptomatik schreibst, erlebe ich auch ja auch gerade. Das hat sicherlich mit der großen Bandbreite des Kranheitsbildes zu tun als auch mit der eigenen Entwicklung 🙂
      Danke, dass du in mein Leben getreten bist <3

  2. Ich hangele mich auch immer mal durch die Liste der Symptome und teste mich. Dabei glaube ich, dass es niemanden gibt, der nicht ab und zu mal „ja“ sagen muss bei mehr als einem Symptom. Und Du schilderst es ganz klar, es gibt auch verschiedene Ausprägungen und Intensitäten, die dann auch nicht statisch sind, sondern sich laufend verändern – so dass es mir schwer fällt, die eigene Krankheit zu greifen.

    Bei mir ging es in der schlechtesten Phase „nur“ bis zu einer diagnostizierten mittelgradigen depressiven Episode, und an meinem Verhalten zu dieser Zeit messe ich mich immer. Muss ich schon die stinkende Brühe vermodernder Bioabfälle über die Küchenfliesen laufen sehen, um den Müll runterzubringen (das wahr wohl mein Tiefpunkt)? Kann ich dummes Verhalten anderer Menschen ertragen, ohne das Gefühl zu kriegen, auf sie zuzugehen und ihnen eine runterhauen zu müssen? Und so weiter. Ich hätte gerne irgend einen messbaren Wert, eine Größe, die mir sagt, es ist im Moment alles noch im Bereich der üblichen Schwankungen, noch kein Grund zur Sorge. Aber leider gibt es das nicht.
    Aber andererseits zwingt es mich auch, mir immer mal wieder meine eigenen Befindlichkeiten bewusst zu machen, und auch das, was mich runterzieht und was mir guttut. Ähnlich wie Du es aufgelistet hast. Und das hilft auch mir dabei, mich zu orientieren und einzuschätzen.

    Und auch solche Beiträge wie Deiner hier ist ungeheuer wertvoll für mich. Hab vielen Dank für Deine offenen Worte.

    LG Gabi

    • Liebe Gabi,
      auch dir danke für deinen Mut, den persönlichsten Tiefpunkt mitzuteilen. Dafür müssen wir uns nicht schämen, denn es macht deutlich, wie sehr diese Krankheit in unser Leben eingreift, ohne dass wir etwas dafür können. Die Sache mit dem Biomüll kenne ich übrigens auch – auweia 😉
      Du hast ganz Recht, wir müssen immer wieder achtsam mit uns selbst sein, Frühwarnsignale wahrnehmen und schauen, wie wir damit umgehen, damit es nicht völlig bergab geht. Das ist unheimlich schwierig und anstrengend. Es wäre so einfach z.B. einen bestimmten Blutwert zu haben, damit die Depression bestimmt werden kann, aber davon sind wir noch Lichtjahre entfernt. Bis dahin bleibt uns nichts übrig als an uns selbst zu wachsen – was vlt. gar nicht so schlecht ist, als sich nur rein auf körperliche Werte zu vertrauen.
      Viele Grüße von Annie

  3. Liebe Annie, liebe Alle 😉

    Ich habe die Depressionen in meinem Blog mal mit einem „Leben im Honigglas“ beschrieben. Wenn der Honig dünnflüssig ist, gehen alle Bewegungen relativ leicht, flüssig und mühelos. Je dickflüssiger der Honig wird, um so schwieriger wird alles.
    Eine schwere depressive Episode gleicht nahezu schwarzem Honig, der bombenfest wie Beton ist. Bewegen unmöglich!!! Diesen Zustand hatte ich gsd erst an wenigen Tagen bislang. (Meist „bewege“ ich mich bei mittelgradig…)

    Danke für Deine Ausführungen zur Unterschiedlichkeit, Annie. Das zeigt, wie wenig vergleichbar psychische Erkrankungen sind. Oberknaller ist dann immer Halbwissen von außen ála: „Dir kann es gar nicht so schlecht gehen. Ich kannte mal eine, da…“ BlaBluBB…

    Liebe Grüße von Himbeere und den Himbeersplittern

    • Hallo Himbeere,
      ja diese Menschen, die meinen es beurteilen zu können, weil sie mal irgendwann irgendjemanden gekannt haben…
      Depressionen verlaufen einfach viel zu unterschiedlich und jeder nimmt es anders wahr. Wenn schon Therapieerfahrung da ist, dann kann es wieder ganz anders sein, weil jeder sich weiterentwickelt. Der Vergleich mit dem Honig ist gar nicht schlecht. Ich glaube schwarz und fest hatte ich bisher noch nie erreicht – selbst in der für mich schlimmsten Phase nicht. Immerhin kam ich noch aus dem Bett 😉
      Viele Grüße von Annie

  4. Liebe Annie,
    ich bin vor ein paar Tagen über Deinen Blog gestolpert und möchte Dir einfach nur sagen, dass er Dir ganz wundervoll gelungen ist! Und den Weg, den Du bisher gegangen bist, Deine Gabe, nicht aufzugeben und Deine Fähigkeit, Worte zu finden, die Menschen erreichen, finde ich unglaublich faszinierend!

    Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende 🙂
    Sophie

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