Weihnachtszeit ist Familienzeit

Dieses Jahr habe ich wirklich kurz darüber nachgedacht, ob ich Weihnachten mal wieder bei meinen Eltern verbringen soll. Ich hatte sogar schon gedankliche Pläne geschmiedet, mit wem ich mich treffen könnte. Aber umso näher Weihnachten rückte, umso unwohler fühlte ich mich damit.

Meine Eltern fragen mich jedes Jahr und sind natürlich traurig, wenn ich sie nicht besuchen komme. Mittlerweile akzeptieren sie zwar meine Entscheidung und setzen mich auch nicht mehr emotional unter Druck, aber ich habe trotzdem ein schlechtes Gewissen. Ich frage mich, wieso es ihnen so wichtig ist, dass ich ausgerechnet zur Weihnachtszeit komme?!

In meiner alten Heimat wohnen alte Geister – Ängste, denen ich mich so ungern stelle. Im Sommer war ich das erste Mal seit langer Zeit wieder dort, weil meine Cousine und mein Cousin einen runden Geburtstag gefeiert haben. Ich hatte wirklich lange überlegt, ob ich die Einladung annehmen soll und bin froh es getan zu haben, denn es war gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorher in Gedanken ausgemalt hatte.

Trotzdem ist Weihnachten gefühlt noch etwas ganz anderes. Nach meinem Auszug vor 15 Jahren gab es zu viele Weihnachtsfeste, die für mich schrecklich endeten – von indirekten Suizidankündigungen bis zu extremen Zwangshandlungen meines Vaters. Einmal plante ich mit meinen Eltern einen Familiengottesdienst in der Stadt statt in unserer Dorfkirche zu besuchen. Das Ganze endetet damit, dass ich heulend durch unser Dorf lief, weil mein Vater vor lauter Kontrollzwängen nicht rechtzeitig aus dem Haus kam, meine Mutter ihn immer weiter drängte und ich anfing, ihn anzuschreien. Solche Momente brennen sich ein.

Meine Mutter weigert sich schon seit Jahren einen Baum zu kaufen, denn der mache ja nur Arbeit. Der Aufwand für ein, zwei Besuche lohne einfach nicht. Mir tut es eigentlich nur um meine beiden Neffen leid. Ich wollte nie so eine Tante werden, die kaum Kontakt hält und nicht einmal ihre Weihnachtswünsche kennt. Für meinen Bruder und seine Frau bin ich die „Seltsame“, die psychisch durchgeknallt ist und meinem Vater viel zu lange auf der Tasche gelegen hat. Er ließ mich auch dieses Jahr wieder über meine Eltern fragen, ob ich an Weihnachten zu Besuch käme. Schließlich müssten sie ja das Essen planen. Wieso ruft er mich nicht direkt an? Hat er Angst? Oder bedeute ich ihm nichts?

Meine Familie ist kompliziert und manchmal könnte ich über all das weinen.

Gerade deshalb ist es gut, dass ich mir Weihnachten so schön wie möglich mache. In meiner eigenen Wohnung mit leckerem Essen und Filmen, auch wenn ich mir in leisen Momenten eine Person an meiner Seite wünsche, die mir in diesen Tagen etwas Zuwendung und Geborgenheit schenkt.

 

15 Gedanken zu “Weihnachtszeit ist Familienzeit”

  1. Hi du Liebe
    Ich kann dich irre verstehen.
    Allerdings tut mir meine Mutter nicht mehr gut. Die ist mir fremd geworden weil sie sich null für mich interessieren möchte.
    Ich hatte zwar nicht ganz so ein Horror Weihnachtsfest wie du es beschreibst doch die Kälte bei mir und der Familie war und ist auch nicht einfach.

    Wenn du Mal reden magst oder so meld dich gerne.

    Liebe Grüße

    • Liebe Nicole,
      emotionale Kälte kann auch sehr schmerzhaft sein – manchmal mehr als harte Worte. Wie hast du denn die Feiertage verbracht? Ich hoffe du sorgst gut für dich!
      Viele Grüße von Annie

  2. Du Liebe!
    Ich verstehe dich sehr gut. Schön, dass du dich für dich und deine Bedürfnisse entschieden hast! Auch wenn es vielleicht schwer fällt, ist es so bestimmt immer noch besser als wenn du dich quälst…
    Fühl dich gedrückt!
    Liebe Grüße, Frauke

    • Danke liebe Frauke, ich finde es klasse, dass du dieses Jahr auch aus alten Mustern ausgebrochen bist und Weihnachten komplett anders verbracht hast. Pass gut auf dich auf!

  3. Hallo Annie
    schön das Du schreibst das Weihnachtzeit Familienzeit ist.
    Leider können viele Weihnachten nicht mit ihrer Familie verbringen.

    Und andere die es können, streiten an Weihnachten weil es vielleicht schon zuviel Familie ist. Das ist auch nicht schön.

    Liebe Grüße
    Lothar vom Blogger Forum
    *fühl Dich eingeladen*

    • Lieber Lothar,
      eigentlich müsste hinter den Titel noch ein Fragezeichen. Gesellschaftlich gesehen ist Weihnachten definitiv Familienzeit, aber ich bin der Meinung, dass man diese Zeit nicht zwingend mit seiner Familie verbringen muss. Für mich ist besser alleine zu sein und mir Gutes zu tun. Viele versuchen an Weihnachten mit der Familie auf Friede, Freude, Eierkuchen zu machen und scheitern. Da geht der ursprüngliche Gedanke dieses Festes komplett verloren. Leider!
      Annie

  4. Ich finde, dass Du das richtig machst. Mach Dein eigenes Weihnachten. Du bist natürlich nicht allein damit. Während ich an Heiligabend bei meinen Eltern war, war in meiner Heimat-WG hier ein großes Fest mit vielen Menschen, mit denen es aus welchem Grund auch immer mit dem Eltern-Weihnachten nicht hinhaut.

    Man hat immer eine besondere Beziehung zu den Eltern. Aber wie viel Verpflichtung möchte man daraus ableiten? Vielleicht wäre es Zeit, den Mut zusammen zu nehmen und denen zu sagen: Solange ihr euren Kram nicht auf die Reihe kriegt und euch so verhaltet, gibt’s eben kein Weihnachten mehr mit euch, weil ich das nicht aushalten kann. Dann haben sie eine Chance, sich zu ändern. Was nicht sehr wahrscheinlich ist, es zu tun. Aber fair wäre es. Wenn auch schwierig.

    • Lieber H-J-P,
      schön von dir zu lesen. Hattest du schöne Feiertage? Mittlerweile sind meine Eltern auch nicht mehr so krass drauf. Okay meine Mutter will immer noch keinen Baum, aber mein Vater hat sich die letzten Jahre wieder etwas gefangen. Trotzdem sind die alten Ängste einfach da, denn es könnte ja sein, dass es wieder so wird. Daher vermeide ich die Begegnung zu Weihnachten bis heute. Ich glaube ein weiterer Grund ist das Gefühl nicht zugehörig zu sein. Ob Bruder, Schwägerin, Tante und Onkel – ich bin irgendwie die ‚Außenseiterin‘.
      Viele Grüße von Annie

      • Liebe Annie,

        ja, meine Feiertage waren ganz gut. Ich war an Heiligabend bei den Eltern, das war OK. Am ersten Feiertag dann habe ich ein eigenes Weihnachten gemacht, in meiner WG, mit Freunden… und mit einer wundervollen jungen Dame, die auf einmal zu mir gehört, was so schön ist, dass ich es erst nach und nach begreife. Ich gehe nun deutlich auf die 40… und die meisten meiner Freunde sitzen mit ihren Kindern unterm Baum. Auch da kann man schnell wie immer Außenseiter sein. Aber so war es ein ganz guter Mittelweg.

        Insgesamt beschäftige ich mich mittlerweile deutlich weniger mit dem Thema Depression. Deswegen bin ich auch nicht mehr so oft in Deinem Blog. Ich glaube, irgendwann ist es wichtig, dass dieses schwere Thema nicht mehr täglich eine so große Rolle spielen muss. Auch wenn ich es gerade jetzt in großer Veränderung doch oft spüre, viele seltsame Gefühlszustände und nicht immer erschließen sich mir die inneren Ursachen. Ich versuche dann, mich nicht selbst verrückt zu machen. Hoffentlich klappt’s. 🙂

        Liebe Grüße
        HJP2

  5. Ich kann das nachempfinden. Mit 32 Jahren hatte ich kurz vor dem Fest ein einschlagendes Erlebnis in Sachen Vertrauensbruch. Seither feiere ich Weihnachten ruhig, gerne alleine und ohne diese Weihnachtsmusik. Für mich sind es Tage der inneren Einkehr und der Selbstfürsorge. Genieße auch die Rauhnächte (25.12. bis 06.01.), die Chaostante.

    • Liebe Chaostante,
      es ist ja auch völlig in Ordnung alleine zu feiern – man wird nur von Außen etwas seltsam betrachtet. Wie oft ich die Fragen gehört habe „Hast du schon alle Geschenke gekauft?“ und wie blöd ich mir vorkam zu sagen „Wir schenken uns nichts“ oder „Ich feiere alleine“. Aber es war die richtige Entscheidung! Übrigens, ich mag Weihnachtsmusik in der richtigen Dosierung 🙂

  6. An Weihnachten und auch nicht zu anderen Zeiten – Du musst niemandes Erwartungen erfüllen und das tun, was „man so macht“ an den Feiertagen, nämlich sich mit der Familie zusammentun. Wenn Dir diese Besuche nicht guttun, dann hast Du ganz richtig entschieden, gerade zu dieser dunklen Jahreszeit nicht zu Deiner Familie zu fahren und Dich diesem emotionalen Stress auszusetzen.
    Ich hoffe, Du konntest es Dir an den Feiertagen so gemütlich und positiv wie möglich gestalten. Man muss sich mit dem arrangieren, was man hat und immerhin hat man sich selbst, die einem was Gutes tun möchte.
    Liebe Grüße
    Gabi

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