Rückzug an allen Fronten

Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, aus dem ganzen Zirkus rund um Social Media auszusteigen. In den letzten Wochen habe ich mir selbst so viel Druck gemacht, dass es mir damit immer schlechter ging. Ständig hatte ich das Gefühl ich müsse liefern, liefern, liefern. Nach der Arbeit drehte sich in meinen Gedanken alles nur noch um „du wolltest doch schon lange über XYZ bloggen“ oder „du solltest bei Facebook/Instagram/Twitter viel aktiver sein – deine Follower wollen content“.

Facebook ist unverzeihlich. Ein Tag inaktiv, schon sinkt die Reichweite. Ein weiterer Tag und die ersten wandern ab. Auch wenn ich immer sage, dass mich die Zahlen nicht interessieren, lässt es mich dennoch nicht kalt, sobald einer geht. Es kratzt ganz schön an meinem Selbstwertgefühl.

Als ich mit dem Bloggen anfing, ging es mir hauptsächlich darum, meine Gedanken zu sortieren. Natürlich war es mir auch wichtig, andere Menschen zu erreichen und ihnen mit meiner Offenheit ein Stück weit zu helfen. Nur ist mir die Unbeschwertheit des Schreibens abhanden gekommen, was meiner Meinung nach auch in meinen Texten sichtbar ist.

Seitdem ich arbeite, fehlt mir die Zeit und Motivation – oder nennen wir es doch einfach die Lust – regelmäßig zu bloggen, mich jeden Tag bei Facebook/Instagram/Twitter zu melden und dazu noch alle Beiträge von meinen abonnierten Blogs zu verfolgen. Ich musste also eine Entscheidung treffen. Einerseits will ich von vielen Menschen gesehen werden, andererseits muss ich gut für mich sorgen. Beides ist nicht möglich.

Die ersten Tage, an denen ich mir erlaubt habe, nicht alles direkt verfolgen zu müssen, waren die Hölle. Ständig dachte ich, etwas Wichtiges – quasi den Anschluss – zu verpassen. Ich müsste lügen, wenn ich sage, dass sich das Gefühl mittlerweile gegeben hat.

Ich möchte wieder mit mehr Freude und vor allem Lust bloggen, nicht für Reichweite. Wie ich es schaffen kann an diesen Punkt zurückzukommen, ist mir allerdings noch nicht ganz klar. Im Augenblick versuche ich, meinen persönlichen Umgang mit dieser unglaublich schnellen online-Welt zu finden.

Wie handhabt ihr das mit den sozialen Medien – beruflich und privat? Habt ihr auch manchmal das Bedürfnis, einfach aussteigen zu wollen?

Beitragsbild von Pixabay

19 Gedanken zu “Rückzug an allen Fronten”

  1. Liebe Annie,

    ein ganz toller, wichtiger Post!
    Ich glaube, keinen (oder nur die wenigsten Blogger) lässt es kalt, was sie für Reaktionen von ihren Lesern bekommen. Der Mensch neigt dazu, sich zu vergleichen, zudem haben wir hier in Deutschland das Prinzip Leistungsgesellschaft, das oft schon von Kindheit an verinnerlicht wird durch Schule und Co. … Also vergleicht man sich irgendwann vielleicht automatisch mit anderen Bloggern und Blogs, obwohl man das eigentlich nicht wollte.
    Aus den Gründen, die du beschrieben hast, habe ich mich dafür entschieden, die FB-Seite zu meinem Blog dicht zu machen. Den Blog selber möchte ich aber auf jeden Fall behalten und übe mich gerade selbst noch darin, einen gesünderen Umgang mit dem ganzen Thema zu finden … Kleine Auszeiten, wie du sie beschrieben hast, auch vom Handy helfen mir, wieder mehr zu mir zu finden und auch, wenn ich mir immer wieder vor Augen führe, warum ich eigentlich blogge und dass ich bzw. meine Art zu schreiben und mein Blog gut so sind, wie wir sind. Sicherlich ließe sich noch so vieles verbessern – das Design, die Themen, die Wortwahl … – aber das Bloggen soll ein Hobby sein und bleiben und kein Stressfaktor, denn davon gibt es im Alltag ja schon genug. Mir das zu verdeutlichen hilft mir.

    Liebe Grüße
    Nelia

    • Liebe Nelia,
      du hast vollkommen Recht, wenn du von unserer Leistungsgesellschaft sprichst. Durch das Internet ist es für mich nochmal schlimmer geworden. Ständig muss man auf Zack sein, immer erreichbar, sofort reagieren – absoluter Käse eigentlich. Gerade in den sozialen Medien ist alles so schnelllebig. Liest du heute nicht, hast ruckzuck was verpasst, aber hat man es wirklich verpasst?!
      Annie

  2. Liebe Anni,
    Stress macht man sich meist selbst – hat mir einmal jemand erklärt und bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch.
    Mach dir nicht selbst zuviel Druck!
    Blogge wenn du Lust dazu hast, nutze Facebook Twitter & Co ebenfalls nur wenn dir danach ist.
    Richtige Freund messen dich ganz sicher nicht an der Anzahl der Social Media Einträge. Ich selbst blogge dann wenn mir danach ist und schaue in die Social Media Kanäle wenn ich Lust dazu habe und es geht mir ganz gut dabei. Es ist mir auch egal wie viele Follower ich habe, Hauptsache den bisherigen gefällt das was ich von mir gebe und ein bisschen mache ich es auch für mich selbst – für mich ist es eine Möglichkeit all meine Wünsche, Sorgen und dergleichen mit anderen zu teilen …

    Ich hoffe du findest deinen Weg und schmeißt jetzt nicht gleich alles hin – das ist meiner Meinung auch nicht de richtige Weg, denn irgendwann fehlt dir etwas. Versuche einfach ein gewisses Mittelmaß zu finden.
    In diesem Sinne
    GLG
    Martina

    • Liebe Martina,
      privat schreibe ich auf Facebook so gut wie gar nicht mehr. Seltsamerweise mache ich mir da auch keinen Druck. Wie du sagst, meine richtigen Freunde ist es wurscht, ob ich mich regelmäßig über die sozialen Medien melde oder nicht. Mit denen stehe ich ja privat in Kontakt. Die Facebookseite für meinen Blog wird aber gar nicht von meinen Freunden besucht, eher noch von anderen Interessierten. Daher habe ich mir da enorm Druck gemacht, damit die nicht wieder gehen. Dieses Gehen bewerte ich direkt als ein Versagen. Ja, ich habe ein Problem in diese Richtung 😀

  3. Genau so darf (und muss) es sein, Anni. Ich darf an dem teilhaben, was du teilen magst und kannst. Ich habe da aber keine quantitative und keine qualitative Erwartungen.

    Ich nehme mir selbst die Freiheit, lange nichts zu schreiben. Vor allem: nichts liefern zu müssen. Leistung ist das Schädlichste für mich. Leisten wollen und müssen, um geliebt zu werden, ist mein Über-Lebens-Muster, aus dem ich mich lösen darf. Eine rote Ampel ist eine rote Ampel ist eine rote Ampel … na, dann lass sie doch!

    Sicher ist es schön, Rückmeldungen zu bekommen. Ganz vorne dran steht jedoch meine Zufriedenheit, etwas in Worte gefasst zu haben, was mir gerade in diesem Moment entspricht und gerecht wird.
    Wenn andere das berührt, dann vor allem, wenn ich bei mir bin und authentisch bin.

    Also, liebe Anni, Nähe und Distanz oder auch Abkehr zum Gänseblümchen – alles darf sein !

    Hab du es gut mir dir!

    • Danke für deinen Kommentar Klaus! Ich muss mich auch noch von dem Leistungsgedanken lösen – nicht nur auf dem Blog, auch im Arbeitsleben. Ständig immer nur perfekt sein und Anerkennung bekommen zu wollen ist absoluter Käse. Ich bin auch nur ein Mensch – mit Ecken und Kanten!

  4. Liebe Annie,

    wer sagt denn eigentlich, dass die Follower regelmäßig „content“ wollen und sonst abspringen? Und dass ein Blog unbedingt noch hier und da und dort beworben werden muss?
    Ich persönlich finde es für mich viel angenehmer, wenn die BloggerInnen, die ich gerne lese, dann etwas veröffentlichen, wenn sie einen schönen Text und/oder eine interessante Idee haben, oder dringend etwas loswerden möchten.
    Ein guter Text will durchdacht, gereift, formuliert, korrekturgelesen werden … das können die allerwenigsten Menschen alle paar Tage raushauen. Und das müssen sie auch nicht.
    Ich schreibe, weil es mir Spaß macht und weil es mich manchmal geradezu drängt: Dann will was raus und erzählt werden!
    Und wenn nicht, dann eben nicht.
    Natürlich freu ich mich, wenn andere das lesen mögen aber in allererster Linie möchte ich, dass mir das Tun an sich Freude macht.
    Ich wünsch Dir sehr, dass Du da auch wieder hinfindest: Zu schreiben, weil es Dich freut.
    Liebe Grüße
    Iris

    • Liebe Iris,
      du hast auch wirklich Recht mit deiner Meinung. Ich habe mir selbst so unheimlich viel Druck gemacht, weil ich ‚mitspielen‘ wollte – ganz weit oben. Naja, oder so ähnlich. Jedenfalls bin ich nicht von der Bildfläche verschwunden, sondern ich will wieder mehr auf mich achten und euch das mitteilen, was ich will, wann ich will. Danke für deine liebe Antwort!
      Annie

  5. Hallo Annie,

    Dieses Gefühl des Drucks, des ‚Abliefern müssens‘, kennen wohl sehr viele die in den Sozialen Medien unterwegs sind. Und oft genug gibt es Personen, die zu sehr ähnlichen Schlüssen kommen, wie die, die du gezogen hast. Und das unserer Ansicht nach absolut zurecht. Und gerade wenn man psychisch zusätzlichen Belastungen ausgesetzt ist, wird es immer eine Notwendigkeit sein nochmal genauer hinzuschauen, was man selbst braucht und was einem gut tut.

    Unsereins hat sich auch vor langer Zeit aus ganz vielen der Plattformen heraus genommen und entschieden nur dann etwas zu schreiben, wenn es für unsereins relevant ist. Dennoch ist unsereins – wie du es ja in Bezug auf dich auch in deiner Antwort an dieschattentaucherin geschrieben hast – nicht von der Bildfläche verschwunden. Aber der „Drang“ besonders präsent sein zu müssen, ist weg. Einfach durch die bewusste Entscheidung.

    Ganz viele folgen weder unserem privaten Blog, noch der offiziellen Webseite bzw. der offiziellen FB-Seite. Dennoch bekommt unsereins immer wieder Rückmeldungen per Mail oder Messenger. Offensichtlich nutzen also noch genug Leute einfach nur Lesezeichen. Die Selbsthilfearbeit ist durch den „geordneten Rückzug“ nicht weniger geworden. Auch melden sich nicht weniger Personen zurück und bedanken sich, wenn mal wieder etwas geschrieben wurde.

    Ansonsten kann sich unsereins den Aussagen der anderen hier anschliessen. Lieber einen Text irgendwann einmal, der Hand und Fuss hat, als hunderte von Texten, die halbgar sind. Solche lieblosen Massentexte führen bei unsereins eher dazu, einem Blog nicht mehr zu folgen.

    Unsereins wünscht dir auf jeden Fall, dass du einen gesunden Umgang mit dir und den Medien aufbauen und beibehalten kannst – eben so, wie es für d i c h gut ist.

    • Danke für diesen mutmachenden Worte. Ich fühle den Druck hin und wieder in mir aufflammen, aber es ist um einiges besser geworden. Es ist okay, wenn mir nicht zig tausend Menschen folgen, solange ich Einzelnen mit meinen Worten helfen kann. Ich selbst lese auch in Blogs, die sich mal für längere Zeit nicht gemeldet haben, solange sie mir mit ihren Worten gut tun. Wie du/ihr so schön schreibt – halbgare Massentexte sind für mich auch nichts 🙂

  6. Liebe Annie,
    das glaube ich gern, dass dir diese Entscheidung schwer fiel und es sich auch ein bißchen nach „Entzug“ anfühlt. Trotzdem ist natürlich richtig, wenn du gerade mal etwas Abstand und Rückzug brauchst. Vielleicht ändert sich das ja auch wieder und wenn nicht, dann nicht. Bloggen soll schließlich Freude bringen!
    Ich versuche mir immer wieder bewusste Auszeiten zu nehmen, wo mein Handy auch komplett aus ist. Im Urlaub lasse ich es auch komplett aus.
    Bisher reicht mir das. Wie das zukünftig sein wird, wird sich zeigen.
    Ganz liebe Grüße, Frauke

    • Genau Frauke, Bloggen ist meine Freizeit und soll Freude machen. Das tat es jetzt schon länger nicht mehr und hielt mich dann auch von Texten ab. Zu viel Druck im Innern, den ich definitiv loswerden möchte. Hier ist mein Reich, in dem ich mich wohlfühlen soll. Danke für deine Worte!

  7. Verstehe dich nur allzugut. Ich glaube jeder, der einen Blog führt kann sich in dich reinfühlen. Jeden Tag neuen Content zu posten und dabei noch auf jeden einzelnen eingehen…das schlimme ist das man diese Erwartung an sich selber stellt. Noch nichteinmal die follower tun das.

    • Liebe Paulina,
      die wahren Leser, die an uns interessiert sind, werden auch nicht einfach davonlaufen denke ich. Mittlerweile wird es immer besser mit dem schlechten Gewissen und ich schreibe wirklich nur noch, wenn ich es möchte. Das bedeutet nur auch, dass es eben teilweise etwas stiller hier ist.
      Annie

  8. »Digitales Timeout«, wie Daniele Ganser diesen Begriff so schön in die Welt gesetzt hat, oder »Mediendiät«, »Informationsfasten« etc. steht bei mir immer wieder auf dem Plan. Die Reichweitenstrafe bei Facebook ist für Fanpages nicht allzu groß. Poste danach ein Angebot, eine Dienstleistung oder einen Termin. So stieg bei mir die Reichweite sprunghaft um ein Fünffaches nach der letzten digitalen Ruhepause. Liebe Grüße, die Chaostante.

  9. Bin gerade auf folgenden Artikel im Guardian gestoßen:
    https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2018/jan/01/antisocial-media-why-decided-cut-back-facebook-instagram?utm_source=esp&utm_medium=Email&utm_campaign=GU+Today+main+NEW+H+categories&utm_term=258889&subid=11252003&CMP=EMCNEWEML6619I2

    Kurzfassung auf deutsch: du bist nicht allein mit dem Problem weg zu kommen von den sozialen Netzwerken. 😉 Ein paar Twitterkonten habe ich als Favouriten gespeichert und schaue ab und zu rein. Bin selbst nicht bei Twitter angemeldet. Auch bei Facebook bin ich nicht. Ich blogge einfach nur für mich. Vielleicht habe ich deshalb so wenig Rückmeldung oder es sind meine Themen oder ganz aktuell die Tatsache, dass ich fast gar nicht mehr schreibe.

    Liebe Annie, schreib für dich, schreib wann du magst, was du magst, wie du magst. Dein Blog ist nicht dein Leben, nur ein Teil davon, wenn du willst. Du bist zu nichts verpflichtet. 🙂 Viele liebe Grüße Sarah

  10. Hallo Annie,

    man sollte nicht überall präsent sein müssen.
    Ich nutze die sozialen Medien privat selten.
    Dialoge lasse ich dort kaum entstehen, da sie selten Mehrwert bieten und ich viel mehr Wert auf echte Begegnungen lege.

    Ich habe ebenfalls einen Blog.
    Diese bringt genug Arbeit mit sich.
    Mit jedem außerhalb des Blogs auf sozialen Medien zu interagieren wäre Stress pur für mich.
    Schließlich mache ich das im echten Leben auch nicht.
    Warum also im sozialen Netzwerk.

    Ich finde es großartig, dass du nicht überall Präsenz zeigst und auf dich achtest.
    Deine Bedürfnisse stehen ganz oben.

    Liebe Grüße und alles Gute.
    Sarah

    • Danke für deine Worte, Sarah. Ich benutze die sozialen Medien in einem seltsamen Mix. Ein Teil privat (der größere) und eben auch für den Blog. Sie sind ein Fluch und ein Segen. Ich pass auf mich auf!

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