Gedankenchaos

Immer wenn ich krank bin, werde ich total wehleidig. Ich wünsche mir eine Person, die mich umsorgt und in den Arm nimmt. Nicht irgendeine Person, sondern eine Mama, die sich um mich kümmert. Natürlich kann meine Mutter das nicht leisten. Sie hilft mir im Haushalt oder kocht für mich, wenn es mir so schlecht geht, dass ich gar nichts mehr auf die Reihe bekomme. Nur mit der emotionalen Sache ist sie total überfordert – und ich ebenso.

Wie kann ich selbst gut für mich sorgen, wenn ich krank bin? 

Gestern Abend habe ich mir einen Tee gekocht und eine leckere Kürbissuppe zum Abendessen zubereitet. Richtig zufrieden ist mein inneres Kind trotzdem nicht. Ich stehe etwas ratlos neben mir, weil ihre Gefühle mich ebenfalls beeinflussen. Dann kommt nämlich zu den Halsschmerzen, auch noch die depressive Seite hinzu, die mich von der restlichen Welt komplett abkapselt.

Ich habe mir heute einen Tag zum Ausruhen gegönnt. Trotzdem plagt mich das schlechte Gewissen, weil ich schon wieder auf der Arbeit fehle. In den letzten Wochen war das viel zu häufig. Ständig erwischt mich irgendein Infekt, der mich schachmatt setzt, ohne richtig auszubrechen. Diffuse Symptome wie leichter Schnupfen, Halsschmerzen oder Husten. Dazwischen immer wieder Gedanken.

Wieso kann ich es nicht schaffen zu arbeiten, während andere sogar mit der fettesten Erkältung im Büro erscheinen? Wieso kann ich mich nicht dazu zwingen, egal was der Körper sagt? Was die Kollegen wohl von mir denken? Ob sie mich für einen Schlappschwanz halten, weil ich schon bei dem kleinsten bisschen Husten zu Hause bleibe? Ob sie denken ich hätte keine Lust auf die Arbeit? 

Dann breiten sich die Gedanken in alle möglichen Richtungen aus.

Ich habe mich heute nicht einmal bewegt. So kann das nichts werden mit der Abnahme. Ich werde nur wieder fett. Wenigstens einen Spaziergang hätte ich schaffen können oder ein bisschen aufräumen. Ich möchte mich verkriechen, nichts von der Welt hören und sehen! 

Gleichzeitig tröste ich mich mit den Worten, dass ich eben sensibler bin und auf mich aufpasse. Wieso muss ich so ein verdammt ambivalenter Mensch sein? Dieser Kampf in meinem Kopf braucht viel zu viel Energie. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass mein Körper unerträglich erschöpft ist.

Ich halte mich gerade nur mit der Vorstellung eines besseren morgen aufrecht. Ein morgen, an dem ich wieder mit genug Energie zur Arbeit gehen kann und die Welt sich auch für mich weiterdreht.

6 Gedanken zu “Gedankenchaos”

  1. Liebe Annie, ich schicke Dir viel viel viel Kraft und wünsche Dir, dass Du gut durch die Depression kommst.
    Deine Gedanken kenne ich teilweise selbst sehr gut. Immer der Gedanke, ich sei eine Mimose, eine Memme, weil mich eben so eine Erkältung gleich ganz flach legt, andere aber die Kraft haben, darüber hinwegzugehen und trotzdem zu arbeiten. Es wird Dich nicht trösten, dass es mir genauso geht, aber vielleicht fühlst Du Dich nicht ganz so allein? Eine Minierkältung ist für mich auch mordsgefährlich, weil sie mich sofort aufs Sofa zwingt und die Depression und übrigen Schmerzen richtig lecker Futter bekommen. Dann auch noch der Gedanke an die Arbeit und das verdammt schlechte Gewissen, der arbeitenden Kollegen wegen, der Gedanke, wie soll das nur weitergehen…
    Vielleicht ist es der erste Schritt, dass wir uns damit abfinden, dass wir eben nicht so robust sind wie andere. Die Schmerzen und die Schwäche sind ja nicht eingebildet, sondern real. Und es wird nicht besser, wenn wir uns selbst deswegen Vorwürfe machen. Ob Akzeptanz ein Weg ist? Ich weiß es selbst nicht.
    Bitte sorge weiter gut für Dich. Gedanken ans Abnehmen sind heute egal, tu Dir etwas Gutes und wenn es ein heißer süßer Kakao ist.
    Ich wünsche Dir gute Besserung und denke an Dich!
    Agnes

    • Liebe Agnes,
      vielen Dank für deine mutmachenden Worte! Es tut gut nicht alleine zu sein mit den Gedanken und Gefühlen. Ich denke nicht, dass ich jetzt in eine Depression rutsche, aber die depressive Seite schwingt immer bei mir mit. An so einem Tag wie gestern, vergesse ich schnell die schönen Momente, an denen ich funktioniere und unendlich viel schaffe. Du hast ganz Recht, dass wir gerade in solchen Zeiten, in denen uns die Gedanken in die falsche Richtung schubsen wollen, besonders aufmerksam sein sollten. Vorwürfe bringen wirklich nichts! Hab dich lieb!
      Annie

    • Dankeschön, heute geht es mir schon etwas besser. Das liegt auch daran, dass ich mich heute morgen gezwungen habe aufzustehen und zur Arbeit zu gehen. Wenn ich dann im Schwung bin und aktiv werde, ist es gar nicht so schlimm, wie ich mir vorher ausmale.

  2. Liebe Annie,
    ich bin vor einiger Zeit über deinen Blog gestolpert und habe in den letzten Wochen alle deine Beiträge vom Anfang deines Blogs bis heute gelesen. Jetzt wollte ich mich einfach mal zu Wort melden. Ich finde es wirklich toll, dass du diesen Blog schreibst! Ich habe noch einen langen Weg mit meiner Depression vor mir, mir werden erst jetzt einige Sachen klar und mit diesen zu arbeiten und sie zum guten zu verändern, wird wohl noch lange dauern, aber jeder Schritt zählt. Ich habe mich in so vielen deiner Texte wiedererkannt und habe viele Anregungen für mich und meinen Umgang mit meiner Depression mitgenommen. Ich fand es sehr spannend deinen Weg nachzuverfolgen und finde es wirklich bewundernswert, wie du es immer wieder schaffst in die „richtige Spur“ zu kommen, auch wenn das oft nicht leicht ist.
    Vielen Dank, dass du uns Leser an deinen Gedanken teilhaben lässt! Mir tut es gut zu merken, dass es anderen Leuten ganz genauso geht und ich nicht alleine bin mit all den Herausforderungen, die eine Depression so mit sich bringt.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft für die Zukunft und dass du es weiterhin schaffst, gut auf dich zu achten und dir gutes zu tun!
    Lena

    • Liebe Lena,
      ganz herzlichen Dank für deinen Kommentar, der mich sehr berührt hat. Ich persönlich finde meine Texte zum Teil echt grottig, aber solange sie nur einer Person helfen, sich selbst etwas besser zu verstehen, freut es mich natürlich! Der Blog ist nur die Spitze des Eisbergs meiner Depression, denn ich berichte ja erst die letzten 2,5 Jahre hier. Davor musste ich schon sehr viele Kämpfe bestreiten, die alles andere als einfach waren. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Mut!
      Viele Grüße von Annie

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