Über meinen Schatten springen

Vortrag über Depressionen

Die Wiese e.V., eine Selbsthilfe-Beratungsstelle in meiner Stadt, veranstaltet jedes Jahr an drei Abenden die Vortragsreihe „Depression – wir reden darüber“. An dieser Veranstaltung wirken ganz unterschiedliche Akteure mit. Zuerst gibt es eine kleine, thematische Einführung durch eine Psychotherapeutin, dann berichtet ein/e Betroffene/r von den eigenen Erfahrungen. Zum Abschluss hat das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen und sich auszutauschen.

Themen

  1. Schlecht drauf oder Depressiv?
  2. Wege aus dem Tief
  3. Wie gehe ich als Angehöriger mit der Erkrankung um?

Da ich ehrenamtlich hin und wieder für die Wiese tätig bin, wurde ich Anfang des Jahres gefragt, ob ich mich für einen der Abende zur Verfügung stellen würde. Für mich war sofort klar: wenn ich durch meine Erfahrungen helfen kann weiter aufzuklären und Mut zu machen, dann bin ich selbstverständlich dabei. Also bot ich mich für den zweiten Vortrag ‚Wege aus dem Tief‘ als Gesprächspartnerin an. Schließlich habe ich ja schon einiges an Therapieerfahrungen sammeln dürfen, von dem manches hilfreich und anderes weniger hilfreich war. Wieso nicht mein Wissen mit anderen teilen?!

Letzte Woche telefonierte ich vorab mit der Koordinatorin der Veranstaltung, damit wir uns kurz abstimmen konnten, was ich überhaupt erzählen mag. Wir wollten das Ganze als eine Art Interview gestalten. Daher hat sie  mir erst einmal nur zugehört und sich dazu ein paar Fragen notiert. Ich war schon an diesem Abend total aufgeregt. Wie sollte das erst vor einem unbekannten Publikum werden?

Danach habe ich den Vortrag auch wieder erfolgreich verdrängt. Bis mir schließlich vorgestern dämmerte, dass ich bereits am nächsten Tag vor einer Reihe fremder Menschen über mich erzählen soll. Im Vorjahr waren jedes Mal ca. 100 bis 120 Menschen vor Ort, die an den Informationen interessiert waren. Wer mich nun schon näher kennt, kann sich vorstellen, welche Szenarien ich mir in meinem Kopf vorher ausgemalt habe.

Ich muss gleich vor ewig vielen Leuten sprechen. Was ist, wenn ich einen blackout bekomme oder alles im Kopf durcheinander werfe? Halten mich die Leute dann für bekloppt? Ich kann doch dann nicht mehr ernst genommen werden. Ich habe schon so viele Therapien gemacht und brauche immer noch Hilfe. Was ist das denn für ein Vorbild? Was ist, wenn ich zittere und stottere? Muss ich mit Mikrofon sprechen? Wie muss ich das blöde Teil dann halten? 

Mittlerweile habe ich in der Therapie aber auch gelernt, diese negativen Gedanken zu entlarven und ihnen mit positiveren Gedanken ‚entgegenzutreten‘

Die Menschen kommen, weil sie an den Erfahrungen einer Betroffenen interessiert sind. Ich kann ihnen vielleicht helfen ihren eigenen Weg zu finden. Wenn ich etwas durcheinander bringe, dann ist das nicht schlimm. Ich darf mich kurz sammeln und weitersprechen. Falls es möglich ist, versuche ich einfach laut zu sprechen, statt ein Mikrofon zu benutzen.  Ich darf aufgeregt sein!

Natürlich kam es auch ganz anders, als mir meine negativen Gedanken vorgaukeln wollten. Statt 120 kamen an diesem Abend ’nur‘ 30 Zuhörer. Das hat mir ein wenig Sicherheit gegeben. Vor allem, weil ich einige bereits aus dem Netzwerk der Selbsthilfegruppen persönlich kannte. Nach ein paar Minuten in der Runde, konnte ich mich langsam entspannen.

Eigentlich sollte ich den Aspekt der Selbsthilfe beleuchten, weil das immerhin eine Option sein kann, ein Tief zu vermeiden oder zu überwinden. Da ich jedoch seit dem Beginn meiner Arbeit nicht mehr zu meiner Selbsthilfegruppe gehe, habe ich es neben meinen Therapieerfahrungen nur kurz angerissen. Immerhin war ich ja eine der Mitgründerinnen der ersten Selbsthilfegruppe für ‚jüngere‘ Menschen (18 bis ca. 40 Jahre) in unserer Stadt. Die geringe Anwesenheit junger Menschen hat mich auch darin bestätigt, wie wichtig solche Angebote sind. Woran es wohl liegen mag, dass sie Selbsthilfegruppen und/oder öffentlichen Veranstaltungen eher fern bleiben? Angst vor Stigmatisierung? Immerhin erlebe ich online täglich, wie groß der Bedarf an Mitteilung und Austausch wirklich ist.

Der Bericht über meine eigenen Erfahrungen scheint jedenfalls gut angekommen zu sein, denn es wurde hinterher applaudiert (mit sowas muss ich noch umgehen lernen). Selbst die Psychotherapeutin, die ich vorher nicht persönlich kannte, meinte zu mir „Wenn ich höre, wie schlecht es Ihnen schon gegangen ist, ist es eine unglaubliche Leistung heute hier zu sprechen.“ Ich persönlich fand mich eher unstrukturiert und hätte viel viel mehr erzählen können, aber dafür war die Zeit auch zu kurz.

Ich bin verdammt stolz, wieder einmal über meinen eigenen Schatten gesprungen zu sein. All meine Befürchtungen sind nicht eingetroffen und ich hoffe immer noch, dass ich es eines Tages ohne diese chaotischen Gedanken schaffen kann, vor einer Gruppe von Menschen zu sprechen. Auf jeden Fall ist es mir wichtig, weiter über Depressionen aufzuklären.

Beitragsbild von Pixabay

2 Gedanken zu “Über meinen Schatten springen

  1. Ist doch super, dass das so gut geklappt hat. Ich finde ja Selbsthilfegruppen sind so ein Ding für sich. Die letzte im der ich war bestand aus Leuten die fast keine Therapieerfahrung hatten (mit der Begründung dann muss ich die ja alle abtelefonieren). Und sich mit dem Status Quo abgefunden hatten. Das war im der Zeit in der man meine Depression als sehr schwer einstufen konnte – aber mein Elan etwas zu ändern war größer. In die anderen war gar kein reinkommen – komische Termine oder nur Rentner (wirklich Rentner)
    Vielleicht muss ich dem irgendwann noch mal eine Chance geben…

    • Liebe Lila,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kam noch nicht dazu dir zu antworten, weil um mich herum so viel passiert ist. Ich kann deine Erfahrungen mit Selbsthilfegruppen teilen. Meine allererste Selbsthilfegruppe war zwar eine für junge Menschen, die sich aber sehr schnell wieder verlaufen hat. Meine nächste Gruppe war dann gleich eine Altersstufe höher. Das meine ich auch mit meiner Aussage im Text, dass man dort kaum junge Menschen findet. Was ich wiederum verstehen kann, denn ich fand es auch unpassend mit der Lebenssituation von 50-60jährigen konfrontiert zu sein. Diese stehen einfach an ganz anderen Punkten. Ein Besucher des Vortrags hat genau die gleiche Erfahrung geäußert. Die jungen Menschen hauen dort relativ schnell ab. Daher hatte ich letztes Jahr auch die Idee nochmals eine Selbsthilfegruppe für junge Menschen zu gründen. Das kam dann so gut an, dass es mittlerweile noch eine andere Gruppe gibt. Vielleicht magst du dem Konstrukt SHG noch eine Chance geben?! Würdest du dir denn zutrauen auch selbst etwas aufzubauen?
      Viele Grüße
      Annie

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