Fuck you, life

Vor einigen Tagen…

Es lauert irgendwo in meinem Innern. Gut getarnt, so dass es nicht auf den ersten und auch nicht auf den zweiten Blick direkt sichtbar ist. Doch ich kann es fühlen – wie das Vibrieren der Gleise eine Ewigkeit bevor der Zug heransaust. Eine diffuse innere Anspannung und Nervosität – ähnlich eines Cover Up Tatoos. Du kannst es mit allem möglichen überdecken und trotzdem bleibt es für immer da.

Heute brach die Verzweiflung endlich aus mir heraus. Ich schrie, weinte, schnappte nach Luft, schlug meine Hand gegen den Türrahmen meines Badezimmers, weil ich dachte diesen tiefen Schmerz anders nicht aushalten zu können. Zum Glück stoppte mich ein Funken meines Verstandes, mir nicht noch weiter Schaden Schmerzen zuzufügen.

Letzte Woche hatte ich eins meiner besten Vorstellungsgespräche. Bei keinem zuvor konnte ich so überzeugend und selbstbewusst von meinen Fähigkeiten erzählen. Ich war von mir begeistert. Dennoch kam heute die Absage – man habe sich für eine andere Bewerberin entschieden. Trotzdem wünsche man mir viel Glück…
„Bitte bewahren Sie noch etwas Geduld, denn Sie haben allen Grund zuversichtlich in die nächsten Bewerbungsgespräche zu gehen.“ 

Geduld….

Ich bin seit fast einem Jahr auf Arbeitssuche, möchte endlich Fuß fassen, eine Chance erhalten und meine ersten Erfahrungen sammeln. Ungefähr 60 Bewerbungen und 12 Vorstellungsgespräche später, bin ich drauf und dran die Hoffnung und Zuversicht zu verlieren.

Der Satz am Ende der Mail, der sicher nicht böse gemeint war, ist in diesen frustrierenden Augenblicken wie ein Schlag ins Gesicht. Genau wie der Versuch meiner Umwelt mir gut zuzureden

„Nicht Aufgeben!!!!“
„Du findest sicher bald eine Stelle, die zu dir passt.“
„Das wird schon noch.“
„Ich/Wir verstehe(n) nicht, wieso du noch nichts gefunden hast.“
„Der richtige Job wartet noch auf dich.“
„Ich dachte du wärst eine der Ersten, die eine Anstellung findet.“

Jede Absage lässt mich zweifeln…, ob ich für diesen Beruf geeignet bin, ob ich einfach nur ‚falsch‘ ‚anders‘ bin, ob es sich überhaupt noch lohnt weiter zu leben.

Lange Jahre hätte ich nicht einmal davon geträumt, an dieser Stelle in meinem Leben anzukommen. Abgeschlossene Ausbildung, abgeschlossenes Studium und bereit für die Arbeitswelt. Ich möchte das wirklich – dieses ‚Erwachsen werden‘, mich der Welt zu stellen und für mich zu sorgen. Trotzdem stolpere ich über jeden einzelnen Stein, der mir in den Weg gelegt wird.

Sozialarbeiter?? – die werden doch wie Sand am Meer gesucht. Klar, das werden sie auch – nur ich erfülle durch fehlende Berufserfahrung und fehlenden Führerschein schon mindestens 50% der ausgeschriebenen Profile nicht. Zusätzlich muss ich meine Grenzen wahren – ich kann nicht jede Stelle annehmen und mich dabei übergehen. Meine bisherigen therapeutischen Begleiter würden mich direkt mit roter Karte vom Feld schicken.

Was bleibt dann noch übrig? Eigentlich nur weitermachen….bis die Energie irgendwann vollständig aufgebraucht ist. Und wisst ihr was, das macht mir verdammt viel Angst!

Beitragsbild von Pixabay

13 Gedanken zu “Fuck you, life

  1. Fühl dich in den Arm genommen!
    Mir ergeht es zur Zeit ähnlich wie dir. Ich habe in den letzten Wochen viele Rückschläge und Hiobsbotschaften kassiert und fühle mich dabei stellenweise oft überfordert und runtergezogen.
    Lass uns die Hoffnung nicht verlieren.
    Liebe Grüße, Frauke

    • Danke dir liebe Frauke, ich nehme jede Umarmung gerne an und gebe dir natürlich auch etwas zurück. Ich hoffe deine süße Mina erholt sich ein wenig und kommt wieder auf ihre vier Pfötchen.

  2. Ganz liebe Grüße von mir…
    Ich finde es klasse das du nicht aufgibst und weitere Bewerbungen schreibst und dich den Gesprächen stellst…
    Ich wünsche dir weiterhin den Mut und die Ausdauer – dranzubleiben und nicht zu resignieren… Ich kenne die Kämpfe und die inneren Zweifel und Gedanken – die quälen und schwer auszuhalten sind…

    Doch wir lassen uns nicht unterkriegen…!!!

    Ich bete für dich und deine momentane Situation…

    Alles Liebe und bis bald….

    • Liebe Diana,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Wie ich schon schrieb, bleibt mir ja nichts anderes übrig als nicht aufzugeben. Im Endeffekt möchte ich ja leben, ich möchte arbeiten bzw. etwas tun, was mir Spaß macht und womit ich mich versorgen kann. Womit hast du denn zur Zeit zu kämpfen? Falls du das sagen magst.
      Schönes Wochenende
      Annie

  3. Das tut mir leid 🙁 Bei so einer Nachricht kann ich deine Reaktion absolut verstehen. Es ist unglaublich frustrierend, wenn man die ganze Zeit macht und sein Bestes gibt und trotzdem Absagen bekommt.

    Und dein Umfeld meint es zwar gut, aber ihre Aussagen helfen dir nicht weiter. Eher im Gegenteil. Kenne das selbst 🙁

    Finde es gut, dass du deinen ganzen Frust und deine Angst heraus lässt. Das muss auch mal sein! Und danach kannst du in Ruhe weiter überlegen.

    Ich wünsche dir viel Kraft!

    • Es hat auch unheimlich gut getan einfach mal völlig losgelöst zu heulen. Der Schlag gegen den Rahmen hätte nicht sein müssen, das weiß ich auch, aber ich konnte mich ja stoppen. Du kennst ja sicherlich diese unheimliche Anspannung, die anders nicht auszuhalten scheint. Hey, Alice, wir stehen das zusammen durch!

  4. Hallo Annie
    Ich werde jetzt keine Floskeln von mir lassen, denn ich weiß, die helfen nicht wirklich oder bringen etwas. Es tut mir aber wirklich sehr leid und ich hoffe du hast bald deine Möglichkeit, deinen zukünftigen Chef oder Chefin, von deinen Fähigkeiten zu überzeugen 😉
    Liebe Grüße

    • Danke liebe Tanja, ich möchte ja so gerne zeigen, was ich drauf habe und eine Chance bekommen. Wie soll ich Erfahrungen sammeln, wenn mich keiner nimmt? Zumal ich ja nicht gerade jünger werde 😉
      Ich wünsche dir ein wunderschönes Wochenende!
      Annie

  5. Liebe Annie,

    ich drück dich!

    Ich finde es so nachvollziehbar, in allen Punkten. Ich wünsche dir sehr, dass bald ein Arbeitgeber erkennt, wie motiviert und engagiert du bist und dir die Chance gibt, dein Können unter Beweis zu stellen!

    Nach dem Bachelor hatte ich überlegt, den Master berufsbegleitend zu machen (an meiner Uni möglich) und nach Stellen geschaut, die passen könnten. Oft hatte ich das Gefühl, dass Arbeitgeber Dinge sich von einem Berufsanfänger wünschen, die utopisch sind – jahrelange praktische Erfahrung am besten, Auslandsaufenthalt, zig Praktika, große Selbstsicherheit usw. Also vieles, was ein einzelner Student frisch von der Uni gar nicht in einer Person bieten kann, wenn er nicht zufällig aus einer superreichen Familie kommt …

    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft für den Bewerbungsprozess und drücke fest die Daumen,
    Nelia

    • Danke dir liebe Nelia! Wenn ich mehr Kohle hätte, würde ich das mit dem Master evtl. ja noch machen. Wobei der in meiner Branche eher nicht viel nützt. Ich möchte nur eine kleine Chance, dann zeigt sich ja was ich aufm Kasten habe. Wenn die Maßnahme nächste Woche endet, bemühe ich mich nochmal um ein Ehrenamt, in dem ich evtl. sogar weitere berufliche Möglichkeiten aufbauen kann.
      Ganz liebe Grüße von Annie

  6. Mhhh. Also in Deiner Wut steckt auch sehr viel Lebendigkeit. Den Schmerz erfahren und rauslassen können, anstatt ihn nicht mehr aushalten können und abzuschiffen in Gefühllosigkeit und Antriebslosigkeit. Das nicht schön, aber doch auch irgendwo gut, oder? Nur bitte nicht irgendwelche Körperteile an Türrahmen hauen oder so, das ist nicht so gut. 🙂

    Ich würde erst Mal einen Tag ausruhen und was schönes machen. Vielleicht sogar mit lieben Menschen? Danach geht es mit dem Weitermachen bestimmt besser.

    Ansonsten kann ich nichts nützliches sagen, ich hab mich in diesem Leben noch nie erfolgreich für einen Job beworben. Ich frage mich manchmal, wie das überhaupt funktionieren kann, ich finde es manchmal sogar einigermaßen sonderbar, so ein bisschen wie Partnerfindung bei so Portalen, wo man dann so ein Profil anglotzt und denkt: Eigentlich weiß ich nichts über den Menschen. (oder: diese Firma/Einrichtung, wenn man sich bewirbt.) OK, das macht jetzt leider keinen Mut. Aber, um konstruktiver zu sein: Gibt es andere Wege? Vielleicht irgend eine Art von freiwilligem Engagement im passenden Bereich, das Dir Kontakte und auch Selbstvertrauen gibt? (Weisheit ist heute aus, daher nicht mit Löffeln gefressen, ich versuche nur, Ideen zu haben.)

    • Ich musste jetzt doch ein wenig Grinsen bei deinem Vergleich von Bewerbung mit Partnersuche *kicher*
      Erstaunlicherweise habe ich mich relativ schnell von diesem Tiefschlag erholt. Er hallt noch nach, keine Frage, aber ich bin schon neue Bewerbungen angegangen. Die Wut hat definitiv auch Kraft – ich darf sie nur nicht in falschen Handlungsweisen verpuffen lassen. Denn darauf folgt die permanente Müdigkeit. Hey, nicht böse sein, wenn ich länger brauche auf Mails zu antworten. Im Augenblick ist mir schnell alles zu viel. Ich denke trotzdem noch an dich!
      Annie

      • Alte Geschichte hier, aber ich hab das auch, wollte ich noch anmerken: Wut, die im Zusammenbruch endet, sobald sie weg ist. Gerade diese Woche ging es mir so – und das erste Mal seit meinem Umzug geht es mir wieder schlechter und depressive Gefühlszustände melden sich. Es gibt auch einen Grund dafür, vielleicht habe ich unbewusst nicht umsonst von der Partnersuche geschrieben. Es ist nicht so einfach, Nähe (oder gar Liebe) zu (er)leben, wenn man innerlich zerbrochen ist. Und dann auch noch über 30, mit all den Ansprüchen und den viel zu vielen Gedanken und Erfahrungen.

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