Rat-Schläge

Jeder von uns, der schon einmal eine depressive Phase durchlebt hat, kennt sicherlich die gut gemeinten Worte anderer Menschen, die genau zu wissen meinen, was einem in dieser dunklen Phase hilft. Meine Eltern sind das Paradebeispiel für den Satz „geh doch mal raus“ – mein Vater ist sogar der Ansicht, dass der tägliche Spaziergang körperlich und seelisch alles heilt. Ganz gewiss hat Bewegung an der frischen Luft einen positiven Effekt auf unsere Psyche, ich schaffe es jedoch trotzdem nicht, jeden Tag nach draußen zu gehen.

Dann ist da noch meine nette Nachbarin, die mir bei schönem Wetter immer wieder die Frage stellt „Warst du heute schon draußen?“ Mir ist bewusst, dass es nicht böse gemeint ist, denn die meisten Menschen freuen sich über Sonnenschein. Es ist auch nicht so, dass ich die Sonne nicht mag – im Gegenteil, ich liebe die Sonne, nur ist es mir nicht möglich, sie jedes Mal zu nutzen. Wenn ich dann an diesen Tagen zu Hause sitze und die Antriebslosigkeit mich auf dem Sofa festhält, wachsen langsam Schuldgefühle in mir heran.

Ratschläge sind auch Schläge

Nach meiner letzten Selbsthilfegruppe ist mir wieder einmal aufgefallen, wie häufig wir versuchen uns gut gemeinten Ratschläge zu unterbreiten. Jeder hat Ideen und Vorschläge, von denen der Teilnehmer etwas aussuchen und umsetzen soll. Dabei wissen wir überhaupt nicht, was wirklich in ihm vorgeht, welche Gedanken und Gefühle seine gesamte Thematik umfassen. In der Selbsthilfegruppe wird nur ein kleiner Teil des Gesagten sichtbar, welcher uns ein ungefähres Bild vermittelt.

Es gab schon einmal eine Sitzung, nach der ich abends im Bett lag und mir dachte „Wir haben Janina* eine Idee nach der anderen um den Kopf gehauen – ob ihr das wirklich etwas gebracht hat?“ Mir persönlich würde das auf keinen Fall weiterhelfen, sondern mich eher überfordern. Die Gedanken, es den Anderen unbedingt Recht machen zu müssen drängen sich geradezu auf.

Deshalb probierte ich in unserer letzten Gruppensitzung etwas Neues. Statt direkte Vorschläge zu liefern, bin ich bei mir geblieben – was löst das Gesagte in mir aus? Wie wäre die Situation für mich? Welche Bedenken hätte ich?

Eine Selbsthilfegruppe sollte Anregungen liefern, aber keine vorgefertigten Lösungen, die unter Umständen sogar noch Druck ausüben. Selbst wenn der Teilnehmer nur in seiner bereits getroffenen Entscheidung bestätigt werden möchte, wäre es doch hilfreicher, wenn jeder bei sich bleiben würde. Schließlich können neue Sichtweisen helfen, eingefahrene Gedankenmuster zu reflektieren.

Ich bin mir unsicher, ob ich es zum Thema machen soll oder die Gruppe einfach so weiterlaufen lasse. Für mich persönlich muss ich Verantwortung übernehmen. Das bedeutet mein Thema soll nicht mit Vorschlägen aller Art überzogen werden, sondern mir wäre es wichtig, die Wirkung auf die einzelnen Teilnehmer zu erfahren – welche Möglichkeiten sehen sie? Was würden sie in dieser Situation tun?

Wie geht es euch mit gut gemeinten Ratschlägen, Vorschlägen oder Ideen? Bringen sie euch weiter oder ist es ein Schlag ins Gesicht? 

*Name wurde geändert

Beitragsbild von Pixabay

7 Gedanken zu “Rat-Schläge

  1. Hallo Annie,

    ich finde, das mit den Ratschlägen ist echt schwierig. Manche, vor allem von Menschen, die nicht wissen, was eine Depression ist, verletzen, auch wenn sie vielleicht nicht böse gemeint sind („Mach doch einfach mal Sport“ / „Sei froh, dass du nicht xy hast“. Andere sind wirklich konstruktiv und helfen mir weiter, dafür bin ich dann sehr dankbar. Oft, aber nicht immer, sind das Ratschläge von anderen Betroffenen oderFachleuten.

    In Selbsthilfegruppen finde ich eine Balance zwischen den anderen mit seinen Erfahrungen, Gefühlen und Gedanken respektieren und Denkanstöße geben wichtig. Mein Problem mit einer Selbsthilfegruppe war, dass ich den Eindruck, hatte, dort geht es wenig um den konstruktiven Umgang mit der Erkrankung, sondern mehr ums sich aussprechen können (was auch seine Berechtigung hat und sehr hilfr, gar keine Frage!). Aber auf Dauer hat mich das dann eher runtergezogen, ich habe es vermisst, das wir gemeinsam nach Lösungen und Hilfsmöglichkeiten gesucht haben. In einer anderen, kleineren Gruppe fühlte ich mich dagegen wohler, weil wir sowohl über unsere Probleme als auch Möglichkeiten zur (Selbst-) Hilfe gesprochen haben.

    • Liebe Nebelherz,
      ich denke auch, dass viele Menschen, die sich mit der Erkrankung noch nicht näher befasst haben nicht genau wissen, was sie sagen sollen und es gut meinen. Bestes Beispiel ist meine Nachbarin – sie meint es ja in dem Moment nicht böse. Nur für mich ist das trotzdem kein gutes Gefühl, weil ich merke wie die Schuld angetriggert wird.
      Es ist schade, dass du in Selbsthilfegruppen nicht gefunden hast, was du brauchst. Könntest du dir vorstellen eine eigene Gruppe nach deinen Bedürfnissen zu eröffnen? So habe ich das einfach gemacht, nachdem ich in meiner ersten Gruppe nicht richtig angekommen bin.
      Schönes Wochenende von Annie

  2. Ratschläge sind bei mir auch immer wieder Schläge. Auch von Personen, denen ich viel bedeute, kamen schon solche Schläge. Weil sie es nicht selbst kennen.

    Die besten Ratschläge bekam ich von Menschen, die selbst betroffen sind.
    Wobei es diesbezüglich auch passieren kann, dass die eigenen Grenzen überschritten werden und man selbst unter diesen Gesprächen leidet.

    Für eine Selbsthilfegruppe habe ich es indirekt bisher als sehr positiv erlebt, wenn Jeder davon berichtet, wie er es wahrnimmt und kein Urteil fällt oder Ratschläge gibt. Mir hilft es meist mehr, wenn Menschen mich verstehen können, als wenn sie mir Ratschläge geben.

    Liebe Grüße

    • Liebe Alice,
      das ist die Krux eben – sie kennen es nicht, möchten vielleicht gerne helfen und sagen Dinge, die allgemeingültig sind. Das ist für uns nicht immer das Beste. Ich bin voll bei dir, wenn du sagst, dass es mehr hilft, wenn die Menschen einen verstehen oder sogar ihre Sichtweise aufzeigen. Noch ganz viel Kraft für deine Klinikzeit!
      Annie

  3. Meine persönliche Ansicht: Depression funktioniert bei den meisten Menschen ähnlich. Was die Symptome angeht. Auch Gedanken und Gefühle können Symptome sein. Aber: Was Menschen depressiv werden lässt, und was sie depressiv bleiben lässt (wichtiger Unterschied), das kann individuell sehr verschieden sein. Deswegen braucht jeder seine eigene Lösung – nicht unbedingt bei den Symptomen, aber um seine Depression irgendwann wieder verlassen zu können, oder mit ihr so leben zu lernen, dass sie keine so große Rolle mehr spielt. (Vielleicht verlässt man sie gerade dadurch, nach und nach?)

    Derartige Schläge kenne ich zur Genüge. Allen voran zu schlimmsten Zeiten meine Mutter, die meinte: Ich müsse es eben einfach aussitzen. Durchhalten, bis es vorbei ist. Und ich wusste von Anbeginn: Genau das wird nicht funktionieren. Oft raten einem die Menschen genau die Dinge, die sie selbst für sich anwenden wollen würden, es aber gar nicht schaffen. Der Versuch, durchzuhalten, durch etwas, das ohne Änderung nicht vorbei gehen kann, hat meine Mutter eine ganze Zeit ihres Lebens in den Alkoholismus getrieben. Hat es funktioniert? Vielleicht, aber sie hat vielleicht auch 20 Jahre verloren. Keine Option, wenn ihr mich fragt.

    • Lieber H-J-P
      Einfach aussitzen sind auch harte Worte und nicht gerade hilfreich. Ich habe zu viele depressive Phasen ausgesessen, was mich teilweise zur Verzweiflung gebracht hat, weil es sich länger hinzieht als nötig. Mittlerweile probiere ich aus, was helfen könnte. Leider habe ich noch keine großartige Auswahl für diese Zeiten, weil ich meist denke mir hilft eh nichts 😉
      Annie

      • Auswahl… ja in meiner Werkzeugkiste fehlt auch noch so manches. Ich habe nun lange Werkzeuge für alle möglichen Zustände gesammelt. Aber so der Knackpunkt, wenn sich alles nach nichts anfühlt, da wieder rauszufinden, dafür fehlt mir der passende Schraubenschlüssel. Dabei ist das eigentlich der Kern der Geschichte.

Schreibe einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: