Frühwarnsystem

Im Augenblick sind meine Emotionen ein wenig wie das Wetter. Während an einem Tag graue Wolken die gesamte Umgebung farblos und trist erscheinen lassen, kitzelt mich die Sonne am nächsten mit ihren warmen Strahlen aus dem Schlaf. Ein Hin und Her – hoch und runter. Wie sagt schon eine alte Bauernregel:

April, April, der macht was er will

In meiner letzten Therapiesitzung fragte mich meine Therapeutin, ob ich in der vergangenen Woche den ein oder anderen sozialen Kontakt hatte. Damit wagte sie sich direkt auf mein derzeitiges Minenfeld. Eigentlich war ich am Wochenende für ein gemeinsames Frühstück mit alten Studienfreunden verabredet. Allerdings hatte ich tagelang sehr unangenehme Kopfschmerzen, so dass mir jede Energie fehlte, auch nur daran zu denken, früh aufstehen und eine Stunde in die nächste Stadt fahren zu müssen.

Rückzug ist gerade wieder ein riesiges Thema bei mir. Meine Therapeutin fragte mich, ob es eventuell ein frühes Anzeichen für eine nahende depressive Phase ist. Ehrlich gesagt habe ich mich mit meinem Frühwarnsystem noch nie auseinander gesetzt. Bisher war ich immer der Ansicht, dass mich die Depression aus dem Nichts heraus hinterrücks überfällt.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass soziale Kontakte bei mir ein riesiger Knackpunkt sind. Seit dem Beginn meiner Therapie(n) versuche ich an dem Thema ’soziales Netz‘ zu arbeiten. Anfang des Jahres war ich auch noch voller Ideen und Tatendrang – Maltreff, Chor, Ehrenamt, Selbsthilfegruppe, Buchclub, …

Mittlerweile erscheint mir das alles so unendlich weit weg – ich verschwende ehrlich gesagt nur sehr wenige Gedanken daran. Selbst meine nette Malpartnerin, die ich durch ganz viel Eigeninitiative gefunden habe, hört im Augenblick rein gar nichts von mir. Wieso handele ich bloß immer wieder auf diese Art und Weise?

Also JA – das Bedürfnis mich verkriechen zu wollen ist definitiv ein Warnzeichen für eine depressive Phase. Nur ab welchem Punkt kann ich das (noch) durchbrechen? Immerhin erscheint mir jegliches Dagegen-Handeln als enorm Kräfte raubend.

Lustlosigkeit ~ Antriebslosigkeit ~ extreme Erschöpfung ~ Depression

Vielleicht steht vor dem Rückzug auch schon eine gewisse Lustlosigkeit auf Dinge, die mir bisher noch gut von der Hand gingen oder sogar eine Zeit lang Spaß gemacht haben. Wenn ich nach dem Frühstück lieber mit meinem Hintern auf dem Sofa oder vor dem PC hängen bleibe, statt meine geplanten Aufgaben – zum Teil wirklich Kleinigkeiten im Haushalt – anzugehen, dann läuft mein Innerstes wieder einmal in die völlig falsche Richtung.

In dieser Phase wächst schließlich die Anzahl der Tage, an denen ich überhaupt nicht mehr nach draußen gehen mag. Jeder Gang ist mir zu viel. Teilweise kann dann die Sonne noch so schön vom Himmel lachen…

Ein weiteres relativ frühes Warnzeichen ist mein Essverhalten. Ab einem bestimmten Punkt ist es mir egal, was ich wie und in welchen Mengen zu mir nehme. Die innere Traurigkeit und Leere wird mit süßem oder fettigem Essen gestopft – selbst dann noch, wenn ich körperlich bereits pappsatt bin.

Meine Therapeutin spricht davon frühzeitig eine ‚Depressionsprophylaxe‘ zu betreiben. Dafür muss ich verständlicherweise die ersten Anzeichen kennen um handeln zu können. Deshalb stelle ich mich in den nächsten Monaten der schwierigen Aufgabe der aufmerksamen Selbstbeobachtung.

Kennt ihr eure Frühwarnanzeichen, bevor sich die Depression wieder einnistet? Welche sind das? Habt ihr Strategien oder Handlungsweisen, die euch helfen die schlimmsten Einbrüche aufzuhalten?

Beitragsbild von Pixabay

7 Gedanken zu “Frühwarnsystem

  1. Oh ja, das kenne ich zu gut. Also bei mir kommen Herzrasen, Gedankenrasen und unruhige Nächte. Wenn mir dann die Kraft für die banale Hausarbeit (wie spülen) fehlt und mir Tageslicht zu hell wird, gehen bei mir die Alarmglocken an. Um das zu erkennen, hat es aber Monate gedauert, die Warnzeichen überhaupt wahrzunehmen. Und als ich sie endlich wahrgenommen habe, konnte ich damit erstmal nix anfangen und nix gegen lenken. Das wiederum dauert halt auch ein bißchen. Aber in kleinen Schritten ging es bei mir nach vorn und mittlerweile achte ich wie ein Fuchs auf die kleinen Hilfeschreie meines Körpers. Manchmal früher, manchmal später. Manchmal habe ich auch einfach so viel Angst vor einem neuen Tief, dass ich mir die Warnzeichen gar nicht eingestehen möchte. Keine schlaue Taktik, ich weiß 😉
    Dir wünsche ich offene Augen und ein gutes in dich hineinhören, um deine persönlichen Warnzeichen zu entdecken!
    Liebe Grüße, Frauke

    • Danke Frauke für deine ehrliche Antwort! Sobald mir die Kraft für die banalen Hausarbeiten fehlt, ist schon die rote Lampe am Dauerblinken 😉 Entgegensteuern ist ab diesem Punkt richtig schwer. Was machst du, wenn du bemerkst „oha da könnte bald meine Depression zu Besuch kommen“? Aktivierst du dich dann, in dem du dich zu den Aufgaben oder auch zum Rausgehen zwingst?
      Komm gut ins WE!

  2. Nee, Zwang bringt in dem Moment überhaupt nix und verschlimmert alles nur noch. Das gehört bei mir dann in die Schiene mit dem Funktionieren-Wollen/-Müssen und ich gerate so in alte Muster zurück, wo ich nicht hin möchte. Ich ziehe dann die Notbremse: alle Verabredungen absagen, mindestens einen Tag komplett allein (mit meinem Hund Mina) in der Wohnung (inkl. Hunderunden) verbringen um erst mal wieder etwas runter zu fahren. Handy aus, Internet aus, alles aus, sodass ich nur noch mich wahrnehme. An dem Tag versuche ich hinzuhören, worauf ich gerade Lust habe und mache das: basteln, schreiben, schlafen, Fenster putzen… Was auch immer. Und die kommenden Tage gestalte ich dann ähnlich. Wirklich in mich hinein hören: was möchte ich. Und: was sagt meine innere Stimme und was sagt mein inneres Kind? Was hat sie die letzten Tage/Wochen so in Aufruhe gebracht, was war los, was hat mich unterbewusst so angetrieben, dass die Warnsignale da sind? Es fällt mir nicht immer leicht, die Stimmen wahrzunehmen, aber es wird besser. Und die darauffolgenden Tage mache ich so bewusst wie möglich, sodass ich versuche wirklich nicht groß etwas zu planen (altes Verhaltensmuster), sondern mich von meinem Bauchgefühl und meinem gerade in dem Moment vorhandenen Bedürfnissen leiten zu lassen.
    Vor kurzem hatte ich eine dicke Erkältung, aber wichtige Termine auf der Arbeit. Einen Tag habe ich durchgezogen, weil ich meinte, es zu müssen. Dann kam ich nach Hause und hab vor Erschöpfung geheult. Da war mein inneres Kind sehr laut und sagte mir sehr deutlich, dass ein Krankheitstag im Bett dringend notwendig ist. Und ich habe auf mein inneres Kind gehört und mich eingemummelt und krankgemeldet. Der Tag war genau richtig und am darauffolgenden Tag ging es meiner Erkältung und auch meiner Psyche viel besser!
    Ich merke übrigens, umso länger ich auf die Warnsignale achte, desto feiner wird mein Gespür dafür. Und umso kürzer werden die Regenerations-/Notbremstage.
    Ich wünsch dir auch einen schönen Start ins Wochenende!
    Liebe Grüße!

    • Liebe Frauke,
      ich finde es total bewundernswert, wie gut du dich selbst ernst nimmst und auf dich achtest. Bei mir wäre ein komplettes Zurückziehen eher von Nachteil. Sicherlich muss jeder seine eigene Strategien entwickeln, um den Tief entgegenzuwirken. Vermutlich hilft dir dein Hund schon sehr viel, in dem er bei dir ist, du mit ihm kuscheln kannst und wegen ihm jeden Tag an der frischen Luft bist. Ich musste ehrlich gesagt schmunzeln, dass du in solchen Phasen anfängst zu putzen. Bei mir versinkt der Haushalt dann erst Recht im Chaos. Du darfst dann gerne vorbeikommen und saubermachen 😉
      Pass gut auf dich auf!

  3. Hallo,

    das Thema Frühwarnsymptome beschäftigt mich seit längerem. Theoretisch kannte ich meine Frühwarnsymptome nach der ersten depressiven Episode mehr oder weniger. Leider habe ich es aber dann bei den folgenden beiden Episoden trotzdem geschafft, sie monatelang zu ignorieren, bis dann irgendwann der große Knall kam. Ich habe es jedes Mal auf Alltagsstress etc. geschoben -.-

    Ich versuche, in Zukunft achtsamer mit mir umzugehen, habe mir z.B. eine Liste mit meinen „Warnzeichen“ erstellt (vermehrt Schuldgefühle und Selbstvorwürfe, verstärktes Grübeln, das Gefühl von Kraftlosigkeit bei Alltagsaufgaben und körperliche Beschwerden wie Migräne und Bauchschmerzen). DIe Liste befindet sich jetzt in meiner Notfallbox.

    Schwierig finde ich es, eine gesunde Balance zu finden zwischen mögliche Frühwarnzeichen rechtzeitig zu deuten und nicht in Angst vor der nächsten Depression zu verfallen, wenn es einmal ein paar Tage schlechter geht. Da die Balance zu finden, darin übe ich mich gerade.

    Liebe Grüße
    Nebelherz

    • Liebe Nebelherz,
      die frühen Warnzeichen zu kennen und sie zu beachten sind leider zwei Paar Schuhe. Ich finde es total toll, dass du dir einen Notfallkoffer mit Gedächtnisstützen erstellt hast. Vielleicht sollte ich mir auch so etwas zu legen, damit ich besser auf mich aufpassen kann?! Übrigens, die Angst vor der nächsten Depression kenne ich ebenso. Leider rutsche ich dann umso einfacher rein, wenn ich mich nur noch von dieser Angst leiten lasse.
      Komm gut in die neue Woche!
      Annie

  4. Liebes Lebensherz!

    Manchmal ist vielleicht auch schon eine Änderung der Sichtweise ein guter Anfang. Beginnen wir doch einmal mit dem Wort NEBEL: Lies das Wort einmal rückwärts und es kommt das schöne Wort Leben raus. Wie findest du das. Vielleicht machst du dich auf die Suche nach mehr LICHTBLICKEN: Ich bin sicher du findest am ersten Tag vielleicht noch eher wenig Positives. Aber wenn du es übst findest du bestimmt viele Dinge und Menschen (Freunde) denen dankbar für etwas bist ??????
    Claudia

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