Die Ambivalenz meiner Gefühle

Meine Therapeutin: „Was ist schlimmer für Sie? Sich bei Ihren Eltern zu melden oder sich nicht zu melden?“

Unsicher drücke ich mich tief in den schwarzen Ledersessel. Am liebsten würde ich zwischen Sitzfläche und Rückenlehne einfach ins Nichts abtauchen. In meinem Kopf rasen die Gedanken ihre Bahnen entlang, ein einziges Durcheinander. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte ich mit einem unsicheren Lachen auf den Lippen „Ich weiß es nicht…“

Sie ließ mir Zeit zu überlegen, aber egal wie ich es in meinem Kopf drehte und wendete, ich fand keine Antwort. Nervös knetete ich meine Finger, während in meinem Kopf die Gedanken fröhlich kreischend Achterbahn fuhren. Ich wollte dieser Frage unbedingt auf den Grund gehen, aber ich wusste nicht wie. „Tja also, wenn ich wählen dürfte, dann wäre das nicht melden wohl das Schlimmere, auch wenn das Melden ebenso negativ ist.“ 

Habe ich das gerade gesagt, die erwachsene Annie, oder wer spricht da auf einmal?

Ich weiß schon seit einigen Jahren, dass mich die kleine Annie kontinuierlich begleitet. Ihre Wünsche und Sehnsüchte sind für meine depressiven Phasen mitverantwortlich, wenn ich ihr wieder einmal zu wenig Beachtung und Gehör schenke. Es gab eine Zeit, in der ich mich krampfhaft gegen sie gewehrt habe. Ich versuchte mit aller Macht dieses einsame, völlig verzweifelte, sehr traurige Kind zu unterdrücken. Natürlich lässt sie so etwas nicht auf sich beruhen, sondern platzt mit ihrem Trotz in Situationen, in denen diese Reaktion absolut unangebracht ist. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass sie ein Teil von mir ist, den ich nicht vor meiner Haustür einfach aussperren kann.

Ich weiß nicht genau wie es dazu gekommen ist, aber sie hat mich in den letzten Monaten (oder auch schon länger??) „manipuliert“, in dem sie regelmäßig meine Eltern anruft, um die für sie tollsten, mitteilungswürdigsten Kleinigkeiten zu erzählen und damit Interesse und Aufmerksamkeit zu erhalten. Nur so funktioniert meine Familie nicht, selbst wenn sie es sich noch so sehr wünscht. Als ich nach meinem zweiten Vorstellungsgespräch wieder einmal voller aufgepeitschter Gefühle an meinem Handy hing, wurde mir schlagartig bewusst, wieviel Macht die Kleine meinem Vater gerade wieder einräumt.

Es ging um das Thema Führerschein machen, da in meinem Beruf häufig eine Fahrerlaubnis sowie ein eigenes Auto gefordert wird. Meine Eltern präsentieren mir immer wieder jedes noch so kleine Argument, damit ich – so kommt es mir jedenfalls vor – keinesfalls den Führerschein mache, geschweige denn ein Auto fahre. Während dieses Telefonats zählte mein Vater also auf, welche Nachteile es mit sich bringt das eigene Auto für die Arbeit zu benutzen. Ich solle dies bloß NIEMALS tun. Das machte mich schlagartig wütend, so dass ich nur patzig sagte ich sei doch alt genug zu wissen, welche berufliche Entscheidungen ich treffe. Mein Vater konterte nur: „Das möchte ich von dir nicht mehr hören!“

PENG! Ich stand kurz davor mitten auf dem Bahnsteig vor mir fremden Menschen zu heulen, während mir gleichzeitig ganz viel klar wurde. Es ist völlig irrelevant wie mein Vater diese Erklärungen und Sätze gemeint hat – immerhin könnte er mir auch nur gute Hinweise gegeben haben – ich fühlte mich wieder klein, hilflos und vollkommen fremdbestimmt. Das war der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich mit der kleinen Annie dringend eine andere Lösung finden musste. Nur welche, wie geht das?

große Hand kleine Hand

Als Erwachsene meide ich im Augenblick den Kontakt zu meinen Eltern; die Kleine allerdings hat öfter das Bedürfnis das Telefon aus der Basisstation zu nehmen und auf Wahlwiederholung zu drücken. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie das weitergehen soll und kann. Je weniger Kontakt ich zu meinen Eltern suche, umso weniger möchte ich es als Erwachsene, umso mehr möchte es allerdings die Kleine…

Meine Therapeutin sagte in dieser Sitzung etwas sehr Weises, was mir half mich ein wenig zu verstehen. Mein Kopf weiß rational, dass diese ganzen Wünsche nicht mehr in der Form erfüllt werden können, wie das Kind es sich erträumt. Nur diese Information ist auf dem Weg in meine Gefühlswelt im Stau stecken geblieben, so dass ich mit mir selbst in Konflikt gerate. Quasi Kopf gegen Bauch! Das Schwierige an dieser ganzen Situation ist die Fähigkeit der Ambivalenz ihre Ranken bis in die hintersten Ecken meines gesamten Seins zu strecken. Dadurch gerate ich immer wieder ins Schleudern und Straucheln.

Kennt ihr solche ambivalenten Gefühle? In welchen Bereichen überfallen sie euch?

Bilder von Pixabay

14 Gedanken zu “Die Ambivalenz meiner Gefühle

  1. Hallo große Annie 😉
    Wie ich lese steht ihr „Zwei“ noch etwas im Konflikt, gut finde ich hier, das du augenscheinlich deine richtige „Beraterin“ gefunden hast. Hoffe ihr bekommt das in den Griff und die kleine Annie sieht ein, das sie nun erwachsen werden muss und vieles einfach nicht mehr geht oder bekommt.
    Schönen Sonntag
    Tanja

    • Liebe Tanja,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich denke wir müssen eine gemeinsame Lösung finden, denn es bringt nichts sie zurechtzuweisen. Dafür hat sie eine zu starke Eigendynamik! Dir auch noch einen schönen Restsonntag
      Annie

    • Man könnte das auch positiv formulieren. Dass die kleine Annie erwachsener werden *darf* – und sich selber ihr Glück suchen *darf*. Wenn das Gefühl der Fremdbestimmtheit eine so große Rolle spielt. Denn vieles geht eben doch, ja es geht vielleicht gerade erst jetzt, mit der Freiheit des Erwachsenseins.

      • Lieber Einer,
        danke für deinen Gedankenanstoß. Darüber muss ich wirklich noch einmal nachdenken! Einerseits muss die kleine Annie irgendwann erwachsener werden, andererseits möchte ich diese kindliche Seite auch nicht ganz verlieren, denn unsere Welt hat in meinen Augen schon so viel kindliche Eigenschaften aufgegeben. Ob das immer der richtige Weg ist? Da bin ich selbst ratlos!
        Annie

  2. Hallo Annie,
    dein Text hätte auch – mit kleinen Variationen (ich habe einen Führerschein und ein Auto 😉 ) – von mir kommen können! Eine meiner größten Aufgaben ist es aktuell auch, herauszufinden, welcher Kontakt zu meinen Eltern mir gut tut. Grundsätzlich tut mir ein enger Kontakt NICHT gut und doch greife auch ich immer wieder zum Telefon und wähle ihre Nummer… Oftmals übermannt mich auch die Traurigkeit, nicht die Familie zu haben, die ich mir gewünscht habe – und wohl noch immer wünsche. Auch bei mir weiß der Kopf Bescheid und doch weigert sich der Bauch, das Gefühl, zu aktzeptieren, was ist.
    Viele Grüße!

    • Liebe Tana
      herzlichen Dank für deinen Kommentar! Die Aufgabe, die wir beide im Kontakt mit unseren Eltern haben ist wirklich keine einfache. Es macht mich immer wieder hilflos, weil ich keine Lösung für diesen Zwiespalt habe. Vielleicht wäre ein Mittelmaß das Richtige, nur die Gefühle muss ich ja auch aushalten können. Falls es nicht zu persönlich ist: Wie häufig hast du Kontakt zu deinen Eltern?
      Liebe Grüße
      Annie

  3. Liebe Annie,

    nein, kein Problem, darauf antworte ich dir gerne. Wobei die Frage gar nicht so leicht zu beantworten ist, denn der Kontakt zu meinen Eltern schwankt sehr. Wir sehen uns relativ wenig, 3-4 mal im Jahr. Allerdings ist der telefonische Kontakt intensiv. Mindestens einmal die Woche telefonieren wir (melde ich mich nicht, melden sich meine Eltern spät. nach einer Woche) – oft auch mehrmals. Ich versuche mich momentan nicht häufiger als einmal pro Woche zu melden, was mir meist auch gelingt. Mich macht es dann traurig, wenn etwas passiert ist, das ich gerne teilen würde und weiß, dass es besser ist, dies nicht zu tun.

    Viele Grüße!

    • Liebe Tana
      die Traurigkeit etwas nicht erzählen zu können kenne ich auch. Bei mir sind es sogar Kleinigkeiten wie „Lene (meine kleinere Rennmaus) hat zum ersten Mal probiert aus der Flasche zu trinken!“ Eigentlich total belangloses Zeug, aber ich wünsche mir immer, dass sich meine Mutter mit mir freut. Dabei könnte ich das ja auch theoretisch über Freunde einholen. Total verquer!
      Einmal pro Woche klingt erst einmal ok. Ich habe es auch auf einmal in der Woche reduziert. Davor war es teilweise schon alle 1-2 Tage – ich hatte das Kind einfach nicht mehr unter Kontrolle. Denn letztendlich bekam sie ja nicht, was sie wollte.
      Hast du Freunde oder dir nahestehende Personen, die dir evtl. etwas davon geben könnten, was du dir von deinen Eltern wünschst? Wohnst du eigentlich alleine?

      Annie 🙂

  4. Dein Text ist sehr eindringlich und bewegend. Habe ihn auf meiner FB Seite geteilt, weil er Einblicke gibt, die für Außenstehende oft nicht möglich sind.

    Alice

    • Liebe Alice
      ich bedanke mich ganz herzlich für deine Rückmeldung! Aus deinen Zeilen entnehme ich, dass auch du weißt, wie es sich anfühlt in seinen Gefühlen gefangen zu sein?
      Grüße
      Annie

  5. Es ist beruhigend zu lesen, dass ich nicht der einzige mit dieser Ambivalenz bin. Bei meinen Eltern gab es immer wieder Phasen, in denen sie sich nicht wirklich für mich interessiert waren, oder überfordert waren, oder vielleicht auch zu sehr mit sich, ihrer Partnerschaft oder anderen Problemen beschäftigt. Auch heute ist das noch so, es ist tagesformabhängig bei ihnen. Die Strategie meiner Mutter war immer, lieber nichts zu machen, den Kopf einzuziehen, auszuharren (in der Opferrolle verkriechen und am besten dazu Wein trinken). Das hat sie an mich herangetragen, ich der schon immer alles selber geschafft und gewagt habe, auch schon als Jugendlicher. Doch dieses permanente mütterliche, ungesund-beschützende „lass das, du kannst es nicht“ (verwandt mit der Führerschein-Geschichte im Post!) steckt tief drinnen und führt dazu, dass ich so vieles gegen einen verinnerlichten Widerstand eben trotzdem mache. Ich kann es ja eigentlich gar nicht, ich bin ja so schlecht, buhuhu, ich kann nichts (die Realität ist eine ganz andere, aber das Gefühk…). Ja, wäre dieser alte Widerstand nicht, dann wäre mein Leben gar nicht so weit weg von perfekt. (Erm ja, und hätte diese Geschichte und ein paar andere mich nicht irgendwann in eine Depression geführt…)

    Jetzt bin ich alt genug. Aber immer und immer wieder laufe ich Gefahr, alten Verletzungen neu zu begegnen. Immer und immer wieder hoffe ich und werde enttäuscht. Immer wieder übertreffe ich mich selbst, schlag „daheim“ auf und finde keine Resonanz für meine Begeisterung für mein Schaffen, und noch schlimmer: Keine Resonanz, wenn ich begeistert bin von mir selbst (mit Depression gar nicht so einfach!). Ich rede mit einer Wand, die sich um sich selbst dreht. Manchmal geht es mir aber auch einfach total mies, dann suche ich Trost „daheim“ und das Spiel ist das selbe.

    Irgendwann ist es Zeit, davon loszulassen. Ich rufe nicht mehr an, oder nur noch selten. Ich lege mich zu Freunden auf die Couch, wenn es mir nicht gut geht, nicht bei den Eltern. Ich suche in mir selbst – und finde zunächst, dass ich nicht weiß, wie das alles geht und ob dieser Mangel an eigener Zuwendung und eigener Geborgenheit jemals ausreichend schwinden kann. Es ist viel Ratlosigkeit dabei.

    • Hallo Piotr,
      es tut mir leid zu lesen, dass du so wahnsinnig ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht hast bzw. immer machst. Manchmal frage ich mich, ob es an der Generation unserer Eltern liegt – ich weiß zwar gerade nicht welcher Generation deine entspringen, aber gerade die Nachkriegskinder sind sich in gewissen Verhaltensweisen ähnlich. Meine ehemalige Beraterin hat mir ein Buch empfohlen, welches ich unbedingt lesen soll. Kriegsenkel – die Erben der vergessenen Generation von Sabine Bode.
      Du machst es schon ganz richtig, in dem du dir Nähe und Zuwendung von anderen Menschen holst, die dir nahe stehen. Ich denke anders wird es auf lange Sicht auch gar nicht gehen. Wir müssen gut auf uns aufpassen. Mir fällt es immer schwer, denn in meinem Kopf spukt der Gedanken: Familie ist eben Familie und ich will meine Familie und nicht irgendeine…
      Herbstliche Grüße
      Annie

      • Ich kenne mittlerweile einige Menschen, denen es so geht. Ich glaube, das ist so ein Grundmuster: Immer wieder versucht man, das zu bekommen, was einem als Kind/Jugendlicher gefehlt hat. Oder man holt sich das wieder ab, was einem früher weh getan hat.

        Meine Eltern sind schon älter und beide Kriegskinder. Aber viele Eltern meiner Freunde sind jünger und da lief es auch so ähnlich. Es hängt nicht allein davon ab. Andere Freunde haben auch Eltern dieser Generation und haben alles bekommen, was sie gebraucht haben. Es gibt da aber ein Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ und ich habe mich noch nicht getraut, es zu lesen. Ich habe es nur mal in der Mitte aufgeschlagen, eine Seite gelesen und gedacht: Fuck, das kenn ich alles.

        Es ist ungerecht, schicksalshaft: Wer eine gute Elternbeziehung hatte und hat, der trägt alles in sich, um die Heimat in sich selbst zu finden und zu pflegen. Und gerade wer keine gute Elternbeziehung hat(te) und deswegen mehr innere Heimat bräuchte, tut sich schwer, sich selbst zu versorgen.

        Manchmal hilft es, wenn man merkt, dass man ganz und gar nicht allein damit ist.

        • Ich denke auch es liegt in der Natur des Menschen immer genau DAS zu bekommen, was man nicht hat. Irgendwo auch eine verkappte Machtstrategie? Wie du schon sagst, kann es nicht nur an der Kriegsgeneration liegen, sondern unterschiedliche Ursachen haben. Ich vermute nur die Generation, welche im oder kurz nach dem Krieg geboren wurde, ist für manche Verhaltensmuster anfälliger? Wenn diese Menschen wenig resilient waren und im äußeren Umfeld ebenso wenig Unterstützung erhalten haben, dann wissen sie es einfach nicht anders. Für sie zählte ja nur wiederaufbauen und überleben. Da blieben Emotionen erst einmal außen vor. Leider!
          Eine innere Heimat finden – wie soll das gehen? Ich bin davon noch meilenweit entfernt…
          Danke für deine Worte!
          Annie

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