Familiengeheimnisse

Erzähl das bloß nicht weiter!

Ich habe keine Ahnung wieso, aber in unserer Familie gab es schon immer Geheimnisse. Als Kind hörte ich häufig den Satz: „Annie, erzähl das bloß nicht deiner Tante, Oma, etc.“
Ob ich das Verbot damals nachvollziehen konnte, weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich meine mich zu erinnern, einiges trotzdem weiter erzählt zu haben. Wieso auch nicht? Was ist so schlimm, unwürdig, peinlich, dass es hinter verschlossenen Türen angekettet werden muss?

Für mich bedeutet Familie, die Freiheit jedes Familienmitglieds, für sich zu entscheiden, wem es etwas mitteilen möchte. Wenn meine Eltern mir heutzutage raten, Begebenheiten aus meinem Leben nicht meinem Bruder zu erzählen, bekommen sie immer die gleiche Erwiderung: „Ich entscheide, wem ich etwas über mein Leben erzähle.“ So leicht wie mir dieser Satz über die Lippen kommt, ist er allerdings überhaupt nicht.

Vor zwei Tagen rief mich ganz unerwartet mein Bruder an. Unser Vater ist in letzter Zeit häufiger im Krankenhaus. Dazu plant er sein Haus von Grund auf umbauen zu wollen. Jetzt rief mich also mein Bruder an, um mit mir über seine Sorgen zu sprechen. Ihr könnt euch vorstellen, wie verwirrt ich war. Mein Bruder, der sich sonst nur alle Jubeljahre meldet, will mir etwas über seine Gefühle erzählen?

Also, mein Bruder macht sich Sorgen über die ganze Umbauaktion und die damit verbundene Belastung für meinen Vater. Er könne mit ihm nicht sprechen, da er nicht auf ihn hören würde. Hm ja, also auf mich hört er auch nicht, allerdings verlange ich das gar nicht. Mein Vater ist eine erwachsene Person, die für sein Leben selbst verantwortlich ist. Ich erklärte also meinem Bruder, wie ich das handhabe: „Weißt du S., ich sage Papa meine ehrliche Meinung, aber was er davon annimmt, das liegt allein in seiner Entscheidung!“ Das heißt nicht, dass ich mir nicht auch Sorgen mache, nur ich kann und will einen Erwachsenen mit klarem Verstand zu nichts zwingen.

Mein Bruder findet es außerdem ungerecht wie lange ich finanziell unterstützt werde, während er überhaupt nichts bekommen hätte. Gut, da wären wir also bei den ganzen Geheimnissen rund um das Geld. Bisher ging ich davon aus, dass mein Vater für mich und für meinen Bruder eine Summe angespart hat, sie uns gab und wir damit machen können, was wir wollen. So ist es scheinbar nicht.

Nun wollte mein Bruder wissen, wie viel ich bisher erhalten hätte und ich habe ihm nicht die ganze Wahrheit gesagt. Er denkt jetzt ich hätte die gleiche Summe erhalten wie er als Zuschuss für den Bau seines Hauses. Meine Eltern haben mir in den letzten 10 Jahren so sehr eingetrichtert, meinem Bruder ja nichts über irgendwelche finanziellen Angelegenheiten zu erzählen, dass ich nicht fähig war, die komplette Wahrheit zu sagen. Das ärgert mich und ich habe extreme Schuldgefühle. Fucking Dilemma!

Wieso wird von mir erwartet, den Mund zu halten? Was ist wirklich so schlimm daran, meinen Bruder wissen zu lassen, welchen Unterhalt ich bekomme, wann ich umziehe oder wo ich mal in Urlaub fahre? Es ist ja nicht so als würde ich mich von meinen Eltern aushalten lassen. Ich habe immer wieder nebenher gearbeitet und einen Studienkredit aufgenommen. Das Geld von meinem Vater kommt freiwillig. Er muss es mir nicht geben.

Fakt ist: Egal wie ich mich entscheide, ich ziehe immer den kürzeren. Sage ich die Wahrheit, habe ich den Ärger meiner Eltern in meinem Rücken und einen enttäuschten Bruder. Entscheide ich mich für die halbe Wahrheit, fühle ich mich schlecht.

Wisst ihr was, liebe Familie, mir ist euer Geld, euer Standard, euer Luxus so scheiß egal! Macht damit, was ihr wollt, aber lasst mich dabei in Ruhe!

Mich würde noch interessieren: Gibt es bei euch kleine oder auch große Familiengeheimnisse? Wie geht ihr damit um?

 

6 Gedanken zu “Familiengeheimnisse

  1. Hallo Annie,oh ja, ich denke jede Familie hat so seine kleinen "Geheimnisse". Leider nötigt Wissen oft zur Stillschweigung oder eben Tatsachenverdrehung. Meine Familie war immer – nach außen den perfekten Schein waren und vorgaukeln. Innen brodelte es aber und einiges lief schief. Irgendwann platzt aber jeder Ballon und dann kommt es immer wieder raus.Sobald es jedoch um Geld geht, hilft nichts mehr und alle sind eigen und komisch. Einfach das machen was du denkst und sagen wie du willst. Klar wird zuerst jemand beleidigt sein, aber das legt sich wieder ;-)lg Tanja

    • Liebe Tanjakleine Geheimnisse, die nicht schwer auf der Seele liegen finde ich auch völlig ok. Nur so große Familiengeheimnisse, sei es innerhalb der Familie oder auch nach außen, sind für alle Beteiligten immer eine große Last. Bei uns gab es auch die Geheimnisse nach außen, wobei ich die inneren viel schlimmer empfand. Ich hoffe ich kann irgendwann, wenn ich eine eigene Familie habe, offen und ehrlich sein. Vor allem möchte ich keinem etwas verbieten zu erzählen, denn das entscheide jeder für sich selbst.Vielen Dank für deinen Kommentar!Annie

  2. Halli,ich möchte mal eine "Erfahrung" erzählen. Ich war bis vor nicht langer Zeit derjenige, der sich in der Hauptsache um meine kranke Mutter kümmerte. Das war so, weil meine Geschwister weit weg wohnen. Sie ist mittlerweile verstorben. Aus dem Kümmern ergaben sich auch viele Fahrten. Meine Mutter wollte mir diese immer gerne bezahlen und "entlohnen. Auch mit dem Hinweis, es aber nicht meinen Geschwistern zu erzählen. Ich sagte ihr immer, dass ich sie auf jeden Fall darüber informieren würde, und es für sie sicher auch kein Problem wäre. Das war es auch nie. Ob es nicht doch mal problematische "Bemerkungen" gegeben hätte, wenn es später irgendwie raus gekommen wäre, ist natürlich Spekulation. Ich schließe mich Tanjas Schlusssatz an. Höre auf den Bauch. Ach, so was ist immer schwer.

    • Hallo Hans :-)so wie bei deiner Erfahrung sollte es auch innerhalb einer Familie sein. Ich denke, wenn man immer ehrlich und respektvoll miteinander umgeht, dann kann auch kein Neid oder Hass entstehen. Dann akzeptieren die anderen Familienmitglieder die Entscheidungen einzelner einfach aus Liebe heraus. Hattest du denn deinen Geschwistern von dem Vorschlag deiner Mutter erzählt?Bei uns ist es deshalb problematisch, weil mein Bruder sich immer zurückgesetzt fühlt(e). Er ist neidisch auf das was ich alles bekommen haben (schon in der Kindheit). Nur das ist eine Sache, die er mit meinen Eltern klären muss und Geheimnisse tragen nicht dazu bei sein Gefühl zu mindern. Das Schlimme an der ganzen Geheimniskrämerei sind die Verstrickungen, die unweigerlich entstehen. So einfach kommt da keiner raus, auch emotional nicht. Annie

  3. Hallo Annie,ich kann Deinem Beitrag leider so nachvollziehen. Wars auch innerhalb der Familie (sprich Eltern, Geschwister und mir) relativ offen, so wurde vieles vor den Verwandten geheim gehalten. Auch meine Krankheit … was ich anfangs als Teenager hilfreich empfand, sehe ich nun anders: Wir müssen uns nicht für uns schämen! Das alles geheim gehalten und verschwiegen wird, fördert nur die Tabuisierung von Depressionen und anderen psychischen Krankheiten! Und wenn wir nicht mal innerhalb der Familie offen drüber reden können – wo dann? Wer gibt uns dann Halt und Unterstützung?Liebe Grüße,Nora

    • Liebe Noraich gebe dir voll und ganz Recht. Wir sollten nicht schweigen. Gerade in der eigenen Familie muss Offenheit über Themen wie Depression oder andere psychische Erkrankungen herrschen. Leider wird bei uns weiterhin alles unter den Teppich gekehrt. Sobald ich nur ausspreche, dass ich z.B. an Depression erkrankt bin, wird es verharmlost. Eine Erkrankung?? Sogar mit einem Namen? Nee also so weit ist es dann doch noch nicht…

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