Verkriech dich

… NICHT!

Verabredungen sind toll, Verabredungen machen Spaß, Verabredungen steigern die Laune, Verabredungen lassen uns weniger einsam fühlen, Verabredungen fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl und unsere Kommunikationsskills – UND Verabredungen stressen mich enorm!

Es ist schwer sich bei Depressionen nicht zu verkriechen
Marvin Siefke / pixelio.de

Dabei ist es gleich, ob ich mich mit Familie, guten Freunden, entfernten Bekannten oder online Kontakten verabrede. Solange der Termin noch in weiter Ferne liegt, bin ich total begeistert. Ich plane aktiv mit, was wir machen könnten und freue mich sogar darauf. Selbst bei Treffen meiner FB Gruppe sage ich jedes Mal spontan zu. Solche Termine werden meist weit im Voraus ausgemacht. Das bedeutet für mich Sicherheit, denn ich kann mich später noch mit den ganzen Gedanken auseinandersetzen, die sich mir dazu noch aufdrängen werden.

Was genau stresst mich eigentlich an Verabredungen?

Ich kann von mir sagen, dass es von den Personen und dem Ort abhängig ist, ob ich noch kurzfristig absage oder nicht. Mal angenommen ich verabrede mich mit einer Freundin aus der Uni ganz in der Nähe. Dabei beobachte ich immer die gleichen Gedankenabläufe:

„(Über-)Morgen ist schon das Treffen mit XY. Das ging ja jetzt total schnell und ich muss doch noch dies und jenes erledigen. Wenn es mehr als ein zwei Dinge am Tag sind, fühle ich mich doch immer so schnell überfordert. Für das Treffen muss ich auch noch aus dem Haus. Das ist mir gerade echt zu viel, vlt. sollte ich ihr absagen.“

Jetzt kann es passieren, dass ich einen Tag vorher oder sogar noch am selben Tag die Verabredung absage; ODER ich mache mir Mut und nehme den Stress raus, in dem ich mir in Gedanken gut zurede. Ich versuche mich zu überzeugen dem Treffen eine Chance zu geben. Niemand erwartet von mir perfekt funktionieren zu müssen – nur ich selbst! Dabei ist meinem Verstand durchaus bewusst, dass ich auch mit traurigen, frustrierten oder wütenden Gefühlen zu einem Treffen gehen kann.

Etwas anders verhält es sich bei Treffen in einer größeren Gruppe von Menschen, die ich noch nicht kenne. Da sage ich viel häufiger noch in letzter Minute ab. Ich bin bei FB in einer Community mit anderen Depressionserkrankten. Schon zweimal gab es Treffen in meiner Nähe, zu denen ich spontan zugesagt hatte, aber im letzten Moment nicht hingegangen bin. Morgen ist wieder so ein Treffen. Seit zwei Tagen überlege ich, ob ich hingehe oder doch lieber absage. Eigentlich sollte ich hingehen, nur in meinem Kopf sind so viele Argumente dagegen.

„Du wolltest doch morgen für das Wochenende einkaufen. Außerdem soll es wieder so warm werden. Das Treffen ist mitten in der Mittagshitze. Dein Fuß wird dadurch noch dicker als er sowieso schon ist. Dann musst du auch noch mit dem Zug hinfahren und den Park erstmal suchen – wahrscheinlich schweißgebadet! Du kennst die anderen alle noch gar nicht, vielleicht finden die dich wenig unterhaltsam. Die Pollen fliegen auch, dann bekommst du wieder Atemprobleme.“

Ich könnte jetzt noch tausend andere Ausflüchte anbringen, die mich gerade daran hindern, morgen dort hinzufahren. Ich habe in einem Artikel über die Umstellung von Essgewohnheiten gelesen, wie schwer es ist, eingefahrene Verhaltensweisen zu verändern. Dort wurde geraten einen bewusst ausgewählten Schritt, immer wieder zu machen ohne großartig davor nachzudenken. Einfach loslegen und handeln. Das Gleiche lässt sich gut auf meine Situation mit den Depressionen übertragen. Weniger denken, mehr handeln!

Dann geh doch einfach hin, Annie! – ja…, als wäre das wirklich so einfach

 

4 Gedanken zu “Verkriech dich

  1. Hallo Annie,Verhaltensmuster fressen sich leider sehr schnell und schleichend fest. Es gibt Millionen Gründe, die einem dann einfallen und alles kippen lassen. Oft ist der eigene Schatten zu groß um darüber zu springen, aber ich kann dir versichern – meistens zahlt es sich aus. Würde ich sagen, es würde dir immer tolles passieren und alles würde bei solchen Treffen, gerade mit fremden Menschen, passe, müsste ich dich anlügen. Denn wie es so ist, oft kann man sich nicht riechen oder passt etwas nicht, stellt es sich anders vor und und undIch hoffe wirklich du gehst hin, wenn auch nur für ein paar Minuten, so als kleinen Schritt, du könntest dann ja sagen (falls es dir zuviel ist), das du nicht lange bleiben kannst da du noch was vorhast aber auf jedenfall hallo sagen wolltest. Dann kannst du kurz die Lage checken und hast einen ersten Eindruck ob du mit der Situation zurecht kommst. lg Tanja

    • Liebe Tanjavielen Dank für deinen Kommentar. Du hast vollkommen Recht. Manchmal ist es einfach wunderbar, wenn man hingeht und manchmal passt es eben gar nicht. Das ist ja auch nicht weiter schlimm. Unser Leben läuft nicht gradlinig. Ich bin gestern nicht gegangen. Es hatten ein paar abgesagt und innerlich hatte ich mich auch schon entschieden. Dafür hab ich einige Aufgaben angepackt. Zur Beruhigung des schlechten Gewissens. Das nächste Mal brauche ich mehr Mut.Annie

  2. Hey ho =DIch bin auch ein kleiner Borderliner, wie es die Ärzte so nennen wollen! Schwierig ist es immer dann wenn es einem vor die Nase gehalten wird oder man sich dementsprechend zu benehmen hat weildie meisten Menschen denken "das ist typisch Borderliner, Angsthase oder Depressiver!". Aber ganz und gar so ist es nicht! Ich habe in meiner Jugend sehr damit zu kämpfen gehabt, mittlerweile fühle ich mich "normal" und denke gar nicht mehr darüber nach ob ich eine Krankheit habe oder nicht. Es ist für mich Alltag geworden ab und an sentimeltaler oder abwesender zu sein als andere und eigentlich stelle ich solche Verhaltenmuster auch bei Menschen fest die keine Depressionen diagnostiziert bekommen haben.Vielleicht bildet man sich auch viel ein wenn man sich permanent wieder einredet "Oh nein da ist wieder die Krankheit", deswegen denke ich gar nicht daran krank zu sein und habe einfach Spaß mit meinen Freunden und vor Allem mit meinen Tieren!LG

    • Liebe Reginaauch dir vielen Dank für deinen Kommentar. Ich stimme dir zu in dem Punkt, dass es einfach schrecklich ist sich "depressiv" zu verhalten nur weil die Diagnose im Raum steht. Das möchte ich auch keinesfalls. Den Mittelweg finden zwischen der Krankheit Beachtung schenken, sie ernst nehmen und sie vollkommen ignorieren wäre klasse. Das ist nicht immer einfach. Mir ist wichtig so viel wie möglich an einem "normalen" Leben teilzuhaben. Mir geht es wie dir was die Tiere betrifft. Ohne Tiere mag ich auch nicht mehr sein. Sie können einem echt sehr viel geben, gerade wenn man alleine ist und sich einsam fühlt.Annie

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